Wilhelmsburg als Vorbild

Ein Lastkraftwagen fährt mit lautem Brummen vorüber und wirbelt Staub auf. Bauarbeiter hantieren lautstark in einem backsteinernen Wohnhaus. Die neuen Fenster sind noch nicht eingesetzt, die Wände noch nicht verputzt. Von der Straße aus kann man erkennen, wo neue Balkone an der alten Fassade angebracht wurden. Der Baulärm auf dieser Seite des Hinterhofs ist gewaltig.

Auf der anderen Seite hingegen sieht alles piekfein aus. Die Wohnhäuser sind frisch saniert. Auf den Balkonen stehen Stühle und Tische. Vor den Gebäuden führen schmale Wege durch gepflegte Rasenflächen. An der einen oder anderen Stelle haben die Bewohner einen kleinen Garten angelegt. Gemüse oder Blumen für den Hausgebrauch.

Das Weltquartier der Saga GWG in Wilhelmsburg ist nicht wiederzuerkennen. Vier Jahre nach dem Beginn der Sanierung des in den 1930er Jahren entstandenen Werftarbeiterviertels ist ein Teil der Wohnungen bereits wieder bezogen. „Rund 750 Menschen leben derzeit im Quartier – bis 2014 werden es 2000 sein“, sagt Rene Reckschwardt. Der junge Mann betreut für die Internationale Bauausstellung (IBA) als Projektkoordinator das Viertel.

Der Stolz in seiner Stimme ist nicht zu überhören. Das zwischen Vering- und Weimarer Straße gelegene Wohngebiet belegt aus Sicht der IBA-Verantwortlichen die These, dass die Aufwertung eines Stadtteils nicht automatisch zur Vertreibung angestammter, einkommensschwacher Einwohner führen muss. Stimmt das, würde die Sanierung des Weltquartiers gesamtstädtische Bedeutung erlangen: als erfolgreiches Beispiel, wie die sozialverträgliche Aufwertung eines Stadtviertels gelingen kann.

Gentrifizierung ist in Hamburg allgegenwärtig. In Ottensen oder im Schanzenviertel sind ihre Folgen sichtbar. In die Jahre gekommene Häuser wurden saniert, Straßen verkehrsberuhigt, einstigen Fabrikhallen zu Orten umgebaut, wo tags und nachts das pralle Leben tobt. In seinem Buch „Gentrifidingsbums oder eine Stadt für alle“ beschreibt der Journalist Christoph Twickel Gentrifizierung als einen Prozess, in dem die Aufwertung eine Viertels allein nach Gesetzen des Immobilienmarktes erfolgt. Er spricht von „schleichender Enteignung“ und „Entmischung von oben“.

Twickel meint damit, was Kritiker von IBA und Internationaler Gartenschau (igs) für Wilhelmsburg fürchten: steigende Mieten, Luxussanierung, Umwandlung von Miet- in Eigentumswohnungen mit der Folge, dass langjährige und einkommensschwache Mieter verdrängt werden, weil nur noch wohlhabende Menschen sich Wohnungen und Geschäfte leisten können. Der Arbeitskreis Umstrukturierung Wilhelmsburg beklagt denn auch Mieterhöhungen und kritisiert, dass nur Besserverdienende jene Wohnungen bezahlen könnten, die im Zusammenhang mit der IBA gebaut worden seien. „Auf dem Wohnungsmarkt sind jetzt zwar viele IBA-Häuser im Angebot, aber vor allem Lofts und Luxuswohnungen“, sagte Thomas Koyar von der Initiative „IBA! Nigs DA!“ im NDR.

Twickel geht zwar nicht ganz so weit. So fürchtet er nicht, dass die Elbinseln in Folge der IBA sich rasant gentrifizierten, sagt er. Allerdings hält der Aktivist das Weltquartier für eine Ausnahme. Es sei „das Vorzeigeprojekt einer IBA, die sich in der Hauptsache eben doch an Besserverdienenden ausrichtet“.
Der Chef des städtischen Wohnungskonzerns Saga GWG, Lutz Basse, widerspricht den Kritikern. Schon an der aktuellen Mietentwicklung sei zu erkennen, dass Wilhelmsburg von Gentrifizierung im negativen Sinne weit entfernt sei. „Der durchschnittliche Quadratmeterpreis in unseren Beständen liegt hier aktuell bei 5,38 Euro.“ 40 Prozent der Wohnungen in Wilhelmsburg gehören dem öffentlichen Unternehmen, das sind rund 8000 Mietwohnungen.

Uli Hellweg, Geschäftsführer der IBA Hamburg GmbH, wehrt sich vor allem gegen den Vorwurf, Gentrifizierung sei grundsätzlich etwas Negatives. Die Aufwertung eines Quartiers sei nicht per se schlecht, sagt er. Die Wertsteigerung dürfe nur nicht zu Lasten von Mietern gehen, die bereits viele Jahre in den Vierteln lebten. „Wenn wir aber gar nichts machen, geschieht das, was ‚Gentrifizierungsgegner‘ stets anprangern: es kommt zur sozialen Segregation“, sagt Hellweg. Jene, die es sich leisten könnten, zögen weg und es entstehe ein Viertel, in dem überwiegend einkommensschwache Haushalte lebten.

Es gibt mehrere Indikatoren für eine Gentrifizierung im negativen Sinne. „Diese treffen alle auf Wilhelmsburg gegenwärtig nicht zu“, sagt Hellweg. Da wäre als erstes eine gestiegene Zahl an Umwandlungen von Miet- in Eigentumswohnungen. Im Jahr 2010 seien in Wilhelmsburg und auf der Veddel lediglich fünf Wohnungen umgewandelt worden. In Billstedt lag im gleichen Zeitraum die Quote drei Mal so hoch.

Der Saga-Vorstand glaubt, dass die Gefahr massenhafter Umwandlung von Mietwohnungen in Eigentum durch IBA und igs sogar gesunken ist. Beide Events hätten zu größerer Sensibilität der Öffentlichkeit geführt. „Hauseigentümer halten sich daher eher zurück, das sogenannte Value-Gap zu nutzen“.

Der zweite Indikator einer negativen Gentrifizierung ist ein flächendeckender Anstieg der Mieten auf Grund sogenannter Luxusmodernisierungen. Die durchschnittliche Erhöhung des Mietpreises pro Quadratmeter nach einer Modernisierung liege in Wilhelmsburg bei 57 Cent, sagt Hellweg. Der Anstieg werde zumeist durch Umbauten verursacht, um die Energiekosten zu senken. „Luxussanierungen“, wie beispielsweise der Einbau eines zweiten Bades, seien nicht bekannt, sagt der IBA-Chef.

„Wir haben durch die IBA Investoren für Bauprojekte gefunden und damit für Impulse von außen gesorgt“, ergänzt Basse. Mit Blick auf neu geschaffene Wohnungen, von denen ein Teil höherpreisig ist, fügt er hinzu: „Das sind zusätzliche Angebote, alteingesessene Bewohner werden dadurch nicht verdrängt.“ Bis Ende dieses Jahres werden in Wilhelmsburg nach IBA-Angaben 1200 neue Wohnungen errichtet sein. Ein Drittel davon sind Sozialwohnungen. Hinzu kämen rund 500 modernisierte Wohnungen, deren Mietpreis bei 5,90 Euro pro Quadratmeter liege.

Saga-Vorstandsvorsitzender Basse verweist auf einen dritten Indikator für eine negative Gentrifizierung, den Zuzug einkommensstarker Haushalte. Bislang sei diese Entwicklung in Wilhelmsburg nicht zu beobachten. „Mit Nachfragen werden wir nicht gerade überrannt“, sagt Basse nüchtern. Vielmehr zögen noch immer mehr Menschen von Wilhelmsburg in den Norden der Stadt als umgekehrt. „Außerdem erfolgt der Zuzug eher von ausländischen Mitbürgern oder Menschen, die aus anderen Bundesländern nach Hamburg umsiedeln.“

Basse und Hellweg glauben denn auch, dass die Internationale Bauausstellung einen Beitrag zur Stabilisierung von Wilhelmsburg leistet. „Vorher mussten wir erleben, wie mehr und mehr bildungsbewusste Familien wegzogen“, sagt der Saga-Chef. „Die IBA hat ein Umkippen des Stadtteils verhindert.“

Auch die renommierte US-amerikanische Stadtsoziologin Saskia Sassen – sie war Kuratoriumsmitglied der IBA – verweist darauf, dass man vieles getan habe, die in Wilhelmsburg lebenden Menschen vor Verdrängung zu schützen. Von Gentrifizierung könne im Zusammenhang mit der IBA daher kaum die Rede sein. „Ich habe Gentrifizierung in ihrer vollen Brutalität in New York gesehen – wenn jemand denkt, dass Wilhelmsburg gentrifiziert wurde, hat er nicht viel von der Welt gesehen“, sagte sie unlängst in einem Interview der Tageszeitung.


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