Kollektive Intelligenz nutzen

Nach 50 Minuten ist Schluss. Mit dem Klick auf ein kleines Hammersymbol am unteren Rand der 30 Computerbildschirme schließt sich die Eingabemaske. Im großen Saal der Körber-Stiftung an der Kehrwiederspitze wird es ruhig. Der Moderator vorn auf der Bühne verkündet wenig später: 275 Ideen und 195 Kommentare sind innerhalb der kurzen Zeit zusammengekommen. Auf dieser Grundlage kann jetzt weitergearbeitet werden.

Die Hamburger Stiftung hatte in der vergangenen Woche rund 140 Experten aus Ministerien, Verbänden, Initiativen, Unternehmen und aus der Forschung zu einer sogenannten Netzwerk-Konferenz eingeladen. Die Teilnehmer sollten Ideen entwickeln, wie hierzulande Altern solidarisch gestaltet werden kann. Die Grundlage waren die im vergangenen Herbst veröffentlichten Ergebnisse der Studie „Was die Deutschen über das Alter denken“.

Dabei hatte sich herausgestellt, dass die Menschen sich um das Älterwerden sorgen. Allerdings fürchten sie nicht, länger arbeiten zu müssen oder krank zu werden. „Sie befürchten, dass in der alternden Gesellschaft Solidarität und soziale Gerechtigkeit nicht mehr gefragt sind“, sagt Karin Haist, Leiterin des Bereichs Gesellschaft bei der Körber-Stiftung. Damit es künftig gerechter zugeht, sind die Deutschen bereit zum Paradigmenwechsel – zur Umverteilung.

Um zu Ergebnissen zu kommen, wählten die Organisatoren der Tagung in der vergangenen Woche einen anderen Ablauf als sonst. Die Teilnehmer wurden in rund 30 Gruppen aufgeteilt. Jedes dieser Teams hatte einen Laptop vor sich stehen und speiste seine Ideen in ein lokales Computernetzwerk ein. Die anderen Teams konnten diese Ideen sofort lesen, bewerten und kommentieren. Allerdings konnte niemand erkennen, wer der Absender des jeweiligen Vorschlags war.

„Um kollektive Intelligenz nutzbar zu machen, bedienen wir uns eines Moderationstools, mit dessen Hilfe Teilnehmer einer Konferenz Fragestellungen gemeinsam bearbeiten können“, sagt Peter Kruse, Honorarprofessor für Allgemeine und Organisationspsychologie an der Universität Bremen. Sein Unternehmen Nextpractice erstellte 2012 die Studie, entwickelte das Moderationsverfahren. „Ziel ist es, Menschen in einer großen Gruppe strukturiert miteinander denken und über das Netzwerk interagieren zu lassen.“

Wenn jemand eine Idee eingetippt hat, steht sie jedem Teilnehmer sofort zur Verfügung und kann, quasi in Echtzeit, von jeder Gruppe im Saal verarbeitet werden. „Dadurch ist rasch eine Tendenz der Diskussion erkennbar“, sagt Kruse. Es wird deutlich, welche Argumente an Bedeutung gewinnen, welche an Bedeutung verlieren, was positiv bewertet und was abgelehnt wird. Kruse: „Die Anonymität führt dazu, dass die Idee sich selbst bewähren muss.“ Am Ende entwickelt sich eine Diskussion auf der Sachebene, also ohne Ansehen der Person.

Im Kern gehe es bei der Nutzung kollektiver Intelligenz darum, Komplexität zu reduzieren und die für das jeweilige Problem wesentlichen Aspekte sichtbar zu machen, sagt Kruse. Zudem werden die Zahl der Doppelideen reduziert und alle Vorschläge zugleich dokumentiert. „Und es kommen ungewöhnliche Ideen auf den Tisch.“

Mit Unternehmen haben Kruse und sein Team auf diese Weise bereits erfolgreich gearbeitet. „Die gehen an die Lösung ihrer Probleme sehr pragmatisch und weniger ideologiebehaftet heran“, sagt der Wissenschaftler. In einem Fall sei es um eine Umstrukturierung gegangen, die den Arbeitnehmern viel abverlangt habe. „Die Geschäftsleitung hatte zwar Vorstellungen, traute sich aber nicht, diese der Belegschaft vorzuschlagen.“ Überraschenderweise wurden diese Ideen dann in der Netzwerkkonferenz von den Beschäftigten selbst auf den Tisch gebracht.

Auf der Konferenz der Körber-Stiftung war das nicht ganz so einfach. Debatten im öffentlichen Raum, zumal um ein so weit gefasstes Thema wie „Leben und Arbeit im Alter“, lassen mehr Platz für sachfremde Argumente. So bezogen sich Vorschläge immer wieder grundsätzlich auf die Verfasstheit unserer Gesellschaft. Eine Forderung lautete beispielsweise: „Wir brauchen Löhne, von denen man leben kann“. Ein anderer Eintrag beklagte die „sinkende Bindungskraft von Gewerkschaften und Kirchen“, ein dritter sprach von dem „Erweckungserlebnis Finanzkrise“.

Lothar Dittmer von der Körber-Stiftung sieht in Netzwerk-Konferenzen eine Möglichkeit, Horizonte zu erweitern und eine Chance für einen verbesserten Dialog zwischen Politiker, Experten und Bürgern. „Die Methode eignet sich am Anfang eines Prozesses dazu, sich einen breiten Überblick über Meinungen und Stimmungen zu verschaffen“, sagt Dittmer. In einer laufenden Debatte könne sie möglicherweise fehlende Aspekte und Perspektiven in die Diskussion hineinzubringen.

Die Hamburger Trendforscherin Birgit Gebhardt spricht von einem „Anfang für viele konstruktive Konzepte“. Ihr habe gefallen, „dass das interdisziplinär ausgewählte Experten-Publikum auch in die Pflicht genommen wurde, gemeinsam Lösungen zu erarbeiten“. Als bemerkenswert empfand die Trendforscherin, dass die meisten der mehr als 250 Vorschläge von Realismus geprägt waren. „Die typisch deutschen Wunschlisten-Forderungen nach staatlicher Unterstützung, die bei Bürgerveranstaltungen leicht entstehen, waren relativ selten vertreten.“

Bei vielen Teilnehmern löste die Netzwerkmethode allerdings ein zwiespältiges Gefühl aus. „Die Faszination für neue meinungsbildende Verfahren steht auf der einen Seite“, sagt Dittmer, „auf der anderen steht das Empfinden, der ‚Kälte‘ eines vor allen Dingen technischen Prozesses ausgeliefert zu sein.“ Wohl auch deshalb werden Netzwerkkonferenzen das Miteinanderreden, das Ringen im Dialog nicht vollständig ablösen. „Das eine Verfahren zur Generierung von Antworten auf brennende gesellschaftliche Fragen gibt es nicht“, sagt Dittmer. „Wir brauchen aber zusätzliche Foren neben den weitgehend ritualisierten und im Zugang stark beschränkten Debatten, zum Beispiel in Parlamenten oder Talkshows.“

Als die Teilnehmer am Ende die wichtigsten Ideen wählen sollen, liegen die Forderungen nach einer Humanisierung der Arbeitswelt und der Professionalisierung von ehrenamtlicher Arbeit vorn. Für Dittmer heißt das, dass „besonders kommunale und regionale Modelle im Sinne von ‚sorgenden Gemeinschaften‘ gefragt“ sind.

Das ist ganz im Sinne von Prof. Kruse. „Das Nachdenken über das Alter bedeutet das Nachdenken über unsere Gesellschaft“, sagt er zum Abschluss. „Und das ist keine abstrakte Frage, sondern eine Frage nach unmittelbaren Veränderungen in der Nachbarschaft.“


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