Der Besuch lohnt sich

Natürlich wird es keinen großen Besucherandrang geben, wenn in Wilhelmsburg die Internationale Bauausstellung (IBA) an diesem Sonnabend ihre Türen öffnet. Der hartnäckige Winter dürfte Ausflügler genauso davon abhalten wie die Tatsache, dass vielen Hamburgern gar nicht geläufig ist, was in den vergangenen Jahren da im Zentrum ihrer Stadt geschaffen wurde.

Apropos „Zentrum der Stadt“ – mit dieser Formulierung geht das Dilemma schon los. So mancher Hamburger dürfte eher das Bonmot „Hinter den Elbbrücken fängt Europas Süden an“ kennen, als dass er weiß, wie es auf der Veddel oder in Wilhelmsburg aussieht. Wohnungssuchende nehmen lieber längere Fahrtzeiten aus dem Umland in Kauf, als dass sie auf den Elbinseln eine Bleibe mieten. Als der frühere Finanzsenator Wolfgang Peiner um die Jahrtausendwende den „Sprung über die Elbe“ popagierte, blieb vielen Hamburgern diese kühne Idee eigenartig fremd.

Jetzt ist aus dieser Idee ein Stück Realität geworden. Oberbaudirektor Jörn Walter greift Peiners Gedanken auf, wenn er die IBA als ein „Schlüsselprojekt zur besseren Verknüpfung des Hamburger Nordens mit dem Hamburger Süden“ bezeichnet. Bürgermeister Olaf Scholz wiederum verspricht, auch nach der IBA werde man Wilhelmsburg nicht aus den Augen verlieren, sondern weiter in das Quartier investieren. Mit der Bauausstellung ist im Verborgenen ein zartes Pflänzchen gewachsen, dessen Bedeutung für das „Zusammenwachsen“ Hamburgs nicht zu unterschätzen ist.

Aber nicht nur auf lange Sicht ist die IBA ein spannendes Projekt. Die im Angesicht der Reaktorkatastrophe von Fukushima in Deutschland ausgerufene Energiewende verleiht der Ausstellung eine besondere Bedeutung und gibt ihr zusätzlichen Schub. Die Debatte über einen umweltverträglichen Umgang mit Energie berührt nicht zuletzt wegen der gestiegenen Strompreise inzwischen fast jeden Bürger. Über Nacht ist so der Druck auf Politiker und Stadtentwickler gestiegen, dafür praktikable wie bezahlbare Lösungen anzubieten.

Die Bauausstellung offeriert ihren Besuchern natürlich die üblichen Passivhäuser und Ideen, wie mithilfe umweltverträglicher Materialien und neuer Technologien „grün“ gebaut und gewohnt werden kann. Mindestens genauso interessant aber ist es, in der Ausstellung zu erleben, wie durch eine andere Verteilung von Energie die Abhängigkeit von großen Stromerzeugern reduziert werden kann.

In einem Projekt etwa sind mehrere Häuser über ein System von Leitungen miteinander verbunden. Jedes Haus verbraucht nicht nur Energie, sondern ist zugleich Erzeuger. Über das Verbundsystem kann der Strom dorthin transportiert werden, wo er gebraucht wird: tagsüber in die Bürogebäude, abends in die Wohnungen. Es klingt so einleuchtend.

Zugleich bietet die IBA den Elbinseln eine Chance, viele ihrer Probleme ernsthaft anzugehen. Oberbaudirektor Jörn Walter spricht von den Elbinseln als „Innere Peripherie“ einer Metropole, in der viel Potenzial zur Erneuerung der Stadt liegt. Eine große Chance zur Aufwertung der Quartiere sieht Walter darin, die Schulen zu Zentren des städtischen Lebens zu machen. Zudem zeigt die IBA Wege auf, wie bei der Entwicklung eines Quartiers den dort lebenden Menschen Möglichkeiten geboten werden, selbst für ein nachbarschaftliches Leben aktiv zu werden.

Nicht zuletzt sind gerade in einer wachsenden Stadt wie Hamburg städtebauliche Lösungen notwendig, zunehmenden Wohnbedarf mit dem Anspruch auf eine lebenswerte Umgebung zu versöhnen. Allein jedes Jahr 6000 Wohnungen zu bauen wird auf Dauer nicht reichen. Es geht nicht nur um Quantität, sondern gerade in einer Stadt wie Hamburg um Qualität.

Lösungen auch dafür finden sich auf der IBA. Wie gesagt: An diesem Wochenende wird die Ausstellung sicher nicht von Besuchern überlaufen werden. Aber es sind ja mehr als sieben Monate Zeit. Eines aber ist jetzt schon klar: Ein Besuch lohnt sich.


Einen Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.