Jeden kann es treffen

Wir Menschen neigen dazu, unangenehme Dinge zu verdrängen. Den Tod zum Beispiel. Jeder weiß, dass er einmal vor der Tür stehen wird. Aber darüber nachdenken, was die Endlichkeit unserer Existenz für die Zeit unseres aktiven Lebens bedeutet, das tun die Wenigsten. Ähnlich gestaltet sich unser Umgang mit dem Altwerden und der Möglichkeit, eines Tages pflegebedürftig zu sein. Es scheint, als lebten große Teile unserer Gesellschaft nach dem Motto: Alt sind immer nur die anderen.

Doch die Wahrheit ist eine andere. Die Zahl der Menschen, die Pflegebedürftigkeit noch am eigenen Leib erleben wird, steigt rasant. Das hat mit der durchaus positiven Entwicklung zu tun, da aufgrund gesunder Lebensweise und fortgeschrittener Medizintechnik immer mehr Menschen immer älter werden. Hinzu kommt, dass viele Menschen viel länger als früher fit bleiben und selbstständig in ihren eigenen vier Wänden leben können.

Hamburger Pflegeheimleiter haben jetzt in einer Studie bestätigt, was unter Wissenschaftlern schon länger diskutiert wird: Wer heute in ein Pflegeheim übersiedelt, der ist zwar meist viel älter, aber auch um einiges pflegebedürftiger. Schon heute ist mehr als jeder zweite Bewohner der rund 150 Hamburger Alten- und Pflegeheime darauf angewiesen, dass andere Menschen sich Tag für Tag liebevoll um ihn kümmern.

Wenn das allerdings so ist und die Zahl der Pflegebedürftigen steigen wird, dann gewinnt die Entscheidung, in welcher Umgebung man seine letzten Lebensjahre verbringt, an Bedeutung. Es geht ja am Ende um nicht weniger als um die Frage: Wem vertraue ich über viele Jahre mein Leben an?

Angesichts dieser großen Bedeutung verwundert es, mit wie viel Verve viele Menschen an ihre Urlaubsplanung gehen oder den Kauf eines neuen Autos prüfen, die Entscheidung über so fundamentale Dinge wie die Wahl des Pflegeheims für die Eltern oder die Großeltern aber hinausschieben.

Oft fangen Angehörige mit der Suche nach einem geeigneten Pflegeheimplatz erst an, wenn die Pflegebedürftigkeit eingetreten ist. Heimleiter berichten, dass vor allem demente Menschen direkt aus dem Krankenhaus in eine Pflegeeinrichtung überwiesen werden. Dann aber muss oft die erstbeste genommen werden.

Was also Not tut, ist Vorsorge im besten Sinne. Auch wenn es nicht einfach ist, sollte sich jeder in seiner Familie frühzeitig auf das Thema Pflege einlassen. Dazu gehört, dass Kinder und Eltern offen über das – zugegeben – heikle Thema sprechen. Ohnehin, das zeigen Umfragen, gehen ältere Menschen heute viel entspannter mit dem Thema um. Das Leben in einer Pflegeeinrichtung hat viel von dem Schrecken früherer Jahre verloren.

Wenn Kinder ihren Eltern erklären, dass sie eine häusliche Pflege aufgrund beruflicher Verpflichtungen nicht übernehmen können, dann hat das nichts mit Abschieben zu tun. Dazu gehört, dass man – am besten gemeinsam – die richtige Einrichtung aussucht. Manche Alten- und Pflegeheime bieten eine Art „Probewohnen“ an. Zudem helfen Gespräche mit dem Hausarzt oder mit Betreuern.

Vorsorge heißt aber auch, dass die politisch Verantwortlichen sich des Themas mehr als bisher annehmen. Hamburgs Gesundheitsbehörde hat ein Konzept zum „Älter werden in Hamburg“ erarbeitet. Darin wird gefordert, die Zahl der Ausbildungsplätze für Altenpflegekräfte deutlich zu erhöhen. Leiter von Pflegeeinrichtungen haben bei der Umfrage deutlich gemacht, dass sie eine bessere Bezahlung von Pflegekräften für unabdingbar halten. Geld mag zwar – vor allem in sozialen Berufen – nicht alles sein. Aber gerade angesichts des in den nächsten Jahren zu erwartenden Fachkräftemangels scheint diese Forderung berechtigt. Daran sollte jeder denken: schon aus eigenem Interesse.


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