„In Hamburg wird viel zu billig gebaut“

Der 1969 geborene Volker Halbach ist neuer Vorsitzender des Bundes Deutscher Architekten in Hamburg. Geboren wurde Halbach in Gronau, wo er im Familienbetrieb zunächst Steinbildhauer lernte. Halbach studierte dann Architektur und Städtebau in Bielefeld, Delft und Miami. Mit Partnern gründete er das Hamburger Büro Blauraum. Halbach, Vater von zwei sechsjährigen Zwillingmädchen, lebt mit seiner Familie an der Bebelallee – in einem Gebäude aus den 1950er-Jahren, dessen innovative Aufstockung er selbst geplant hatte.

Hamburger Abendblatt: Hamburg baut seit Jahren wieder viele Wohnungen, 6000 pro Jahr sollen es sein Das muss Sie als Architekt doch begeistern.

Volker Halbach: Das Wohnungsbauprogramm ist richtig und dringend notwendig. Allerdings hat derzeit jeder, der verspricht, Wohnungen zu bauen, eine Art Freifahrtschein. Wir laufen Gefahr, dass die Bauqualität massiv leidet. Wir Architekten erleben, dass wir bei Neubauten oft immer weniger Einfluss auf Qualität haben und in einem Projekt meistens für die Ausführungsplanung, Realisation keine Rolle mehr spielen.

Woran liegt das?

Halbach: Es geht dem Senat, der Saga und den großen Wohnungsbaugenossenschaften vor allem darum, viel, rasch und günstig zu bauen. In der Folge planen meist Generalübernehmer ein Projekt, sodass überall die gleichen Häuser entstehen. Es wird sozusagen lediglich ein Gebäudetyp immer wieder kopiert. Das aber geht zulasten von Nachhaltigkeit und Qualität des Bauens.

Nachhaltigkeit und Qualität kosten Geld, das Mieten teuer macht.

Halbach: Es ist richtig, dass die Verwendung natürlicher Materialien den Bau eines Wohnhauses um bis zu zehn Prozent teurer machen würde. Aber das, was wir heute sparen, müssen wir in ein paar Jahrzehnten teuer bezahlen. Beim Dämmschutz beispielsweise werden Kunststoff-Materialien verwendet, deren Einsatz in Großbritannien heute schon verboten ist. In 20 oder 30 Jahren werden wir diese Materialien als Sondermüll entsorgen müssen.

Die Stadt investiert jedes Jahr rund 100 Millionen Euro in den sozialen Wohnungsbau. Da machen zehn Prozent mehr eine Menge aus.

Halbach: Die öffentliche Förderung von Wohnungsbau ist unverzichtbar. Wir müssen nur aufpassen, dass förderrechtliche Vorgaben nicht allein die Neubauten bestimmen. So schreiben die Richtlinien beispielsweise bestimmte Grundrisse vor. Wenn dieser nicht eingehalten wird, gibt es keine Förderung. Diese fehlgeleitete Standardisierung lehne ich ab. Irgendwann werden alle Häuser gleich aussehen.

Was wollen Sie dagegen unternehmen?

Halbach: Ich plädiere für einen runden Tisch, an dem alle, die für Neubauten Verantwortung tragen, gemeinsam um die Weiterentwicklung der Stadt ringen. Dem Oberbaudirektor Jörn Walter fällt dabei eine wichtige Rolle zu. Er muss über Qualität und Baukultur in der gesamten Stadt wachen und wieder mehr Einfluss bekommen.

Nehmen wir an, es gäbe so einen runden Tisch: Was fordern Sie?

Halbach: Beim Neubau von Gebäuden muss stets berücksichtigt werden, was dieser für das Gesamtensemble einer Straße bedeutet. Wir haben nicht nur eine soziale, sondern auch eine baukulturelle Verantwortung. Die Politik darf nicht nur in Planzahlen denken, sondern muss auch die Konsequenzen für das Stadtbild berücksichtigen. Alle loben die Viertel mit Gründerzeithäusern. Lassen Sie uns deren Qualität studieren und überlegen, wie man diese in die heutige Zeit interpretieren kann.

Was macht diese Viertel so charmant?

Halbach: Die Gründerzeit ist mit der heutigen Situation vergleichbar. Innerhalb kurzer Zeit wurden viele Wohnhäuser und neue Stadtviertel – zum Beispiel in Eimsbüttel – errichtet. Was hier auffällt: Wohnungen, Gebäude und Straßen passen harmonisch zueinander. Der öffentliche Raum ist wesentlicher Bestandteil des Viertels. Da haben Sie zunächst die öffentliche Straße, dann das halb private Eingangsportal mit vier Treppenstufen und einem kleinen Vorgarten. Und dann geht es in die privaten Räume der Wohnungen. Das alles fließt stimmig ineinander über.

Was sollte moderne Stadtentwicklung aus Ihrer Sicht kennzeichnen?

Halbach: Die Internationale Bauausstellung in Wilhelmsburg zeigt erste Wege auf. Zum Beispiel wie man Stadtentwicklung anders denken kann, indem man vielleicht nicht ein Einkaufszentrum in die Mitte eines Quartiers setzt, sondern wie in Wilhelmsburg eine Schule, die vielschichtiger genutzt wird. Für mich ist in Zukunft der Marktplatz eines Viertels der Ort, an dem Bildungseinrichtungen stehen. Wenn wir eine lebenswerte und integrative Stadt haben wollen, müssen wir mehr auf Bildung setzen. Hamburg sollte die Bauausstellung mehr würdigen, wir haben da für die Zukunft beste Beispiele vor Ort.

Die Vorstellung, dass Schulen künftig der Mittelpunkt eines Stadtviertels sein werden, fällt uns schwer.

Halbach: Gute pädagogische Konzepte brauchen flexible Schulbauten mit Räumen, deren Größe man ohne Aufwand verändern kann. Bislang folgt der Schulbau rein bautechnischen Anforderungen. Hier gilt es, die Richtlinien zu verändern. Dänemark hat moderne Schulbauten und liegt bei der Bildungsstudie PISA regelmäßig vor uns. Da muss ich doch fragen, ob unser Schulbau noch modern ist.

Der SPD-Senat hat einige Initiativen für günstigen Wohnraum in den besonders nachgefragten, citynahen Stadtvierteln gestartet. Wird er damit Erfolg haben?

Halbach: Günstiger Wohnraum in allen Stadtteilen ist sicher ein richtiges und anerkennenswertes Ziel. Aber in einer wachsenden Großstadt wie Hamburg ist selbst öffentlich gefördertes Bauen teuer geworden. Das liegt maßgeblich an den hohen Grundstückskosten und Bauvorschriften, die inzwischen rund ein Drittel der Erstellungskosten ausmachen. Hier hat die Stadt gegengesteuert, indem öffentliche Baugrundstücke nicht mehr allein nach dem Höchstpreisverfahren verkauft werden. Allerdings bestimmt die Nachfrage den Preis. Das hat zur Folge, dass in besonders attraktiven Stadtteilen der Bodenpreis deutlich höher liegt.

Über welche Kosten sprechen wir da?

Halbach: In Hamburg muss man inzwischen von einem Grundstückspreis von durchschnittlich 1000 Euro pro Quadratmeter Bruttogeschossfläche ausgehen. Die Baukosten liegen im Durchschnitt bei etwa 1300 Euro pro Quadratmeter. Damit ist klar, dass man ohne öffentliche Förderung nicht für unter acht Euro Miete pro Quadratmeter bauen kann. Das wirkt sich dann natürlich auf die Mieten aus. Es sei denn, der Senat subventioniert massiv.

Ist die Aufteilung der Stadt in reiche und weniger reiche Viertel unabdingbar?

Halbach: Eine Möglichkeit, das zu verhindern, wäre, Baugemeinschaften vermehrt zu fördern. Wenn sich mehrere Interessenten zusammentun, können sie beim Bau günstiger einkaufen. Stellt die Stadt dann noch subventionierte Grundstücke zur Verfügung, können auch Normalverdiener sich in angesagten Stadtvierteln Wohneigentum leisten. Bei der Gründung der Wohnungsgenossenschaften vor rund 150 Jahren gab es das schon einmal.

Wie sollen neue Baugemeinschaften dagegen helfen?

Halbach: Mein Vorbild sind die vielen kleinen, neu gegründeten Baugenossenschaften in Berlin. Sie sind kleinteiliger, und die Mieter werden an den Angelegenheiten direkt beteiligt.

Die Saga und die großen Genossenschaften haben es derzeit vor allem auf Grünflächen abgesehen. Sind das geeignete Standorte, die Stadt nachzuverdichten?

Halbach: Hamburg ist eine klassische europäische Stadt und damit noch nicht fertig. Eine Stadt kann man aber auf unterschiedlichen Wegen verdichten. Viele Gebäude könnte man um eine oder zwei Etagen aufstocken. Zudem gibt es, wie die neue Mitte Altona zeigt, noch Brachflächen. Nicht zuletzt lassen neue Materialien die Bebauung von Orten zu, an Kreuzungen zum Beispiel, wo früher aus Lärmschutzgründen nicht gebaut werden konnte.

Grünflächen kommen für Sie also nicht infrage?

Halbach: Grünflächen würde ich nur ungern bebauen. Ich halte es eher für sinnvoll, frei werdende Grünflächen den Bürgern zurückzugeben.

(Das Gespräch wurde zusammen mit dem Kollegen Axel Tiedemann geführt.)


Einen Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.