Der Mann von der Baustelle

Es ist acht Uhr am Morgen. Wir haben uns am Mittelweg verabredet, doch die meisten Cafés und Restaurants haben noch geschlossen. Die Kaffeekette Balzac unweit der Milchstraße rettet uns. Stefan Wulff, der in dritter Generation das Bauunternehmen Otto Wulff führt, ist trotz der frühen Stunde hellwach. Einen mittelgroßen Kaffee hat er sich bestellt und ein Croissant.

Nach wenigen Worten wird deutlich, dass Stefan Wulff sich in seiner Rolle als Macher wohlfühlt. „Es macht Spaß, Dinge zu bewegen“, sagt der 47-Jährige und schwärmt von Selbstbestimmtheit. Während des Gesprächs wird er stets etwas auf Distanz bleiben. Hin und wieder huscht ein zurückhaltendes Lächeln über sein Gesicht. Vor allem dann, wenn es persönlich wird.

Als der Vater ihn nach dem Abitur fragte, ob er das Unternehmen einmal übernehmen wolle, war der Sohn sich nicht sicher. „Ich wollte eigentlich Jura studieren und habe nach der Bundeswehr erst einmal eine Bankausbildung gemacht.“ In den Monaten der Lehre, beim Umgang mit drögen Zahlen, wurde ihm aber klar: „Wenn ich etwas mache, das ich eigentlich nicht will, dann werde ich nicht wirklich gut sein.“ Noch heute, gut 25 Jahre später, hält Stefan Wulff die „Ausbildung für wichtig“, zumal er sich auch bei seinem Studium bewusst Zeit für sich nahm. „Mein Vater hätte sich sicher gewünscht, wenn ich etwas früher fertig geworden wäre.“

Der Grund für die längere Studienzeit war sein Interesse an der Archäologie. „Ich konnte 1989 mit einem Professor zu Ausgrabungen nach Syrien gehen“, erzählt Stefan Wulff und beschreibt den acht Monate dauernden Aufenthalt am Euphrat als Chance und als prägende Zeit. „Wenn man vor 3000 Jahre alten Ruinen steht, ergreift einen Ehrfurcht. Ein Menschenleben ist dann nichts.“

Doch bevor Stefan Wulff mit dem Studium begann, war er auf Baustellen des väterlichen Unternehmens in einer Betonbaukolonne unterwegs. Einschalen, betonieren, körperliche Anstrengung und rissige Hände kennzeichneten seinen Alltag. „Dabei ist mir klar geworden, dass ich das will. Ich mag den Baustellengeruch nach frischem Beton, ich mag die Kollegen dort, den manchmal etwas rauen Umgangston.“

Was sich heute wie ein Abenteuer anhört, war in jener Zeit keineswegs so einfach. „In der Baubude bin ich anfangs kritisch beäugt worden.“ In den Augen der Arbeiter konnte Stefan Wulff lesen wie in einem Buch: Der Sohn vom Chef also! Mal sehen, ob der auch richtig mit anpackt. Am Ende war der Firmenerbe stolz darauf, seinen Anteil am Akkordüberschuss zu bekommen. Jahre später wurde ihm klar, wie wichtig gerade diese Erfahrungen waren. „Unser Umsatz wird auf der Baustelle erwirtschaftet.“ Auch wenn Maschinen heute dort vieles erledigen, bleibt reichlich an schwerer körperlicher Arbeit übrig. „Wenn du das einmal selbst erfahren hast, vergisst du das nicht.“

Nachdem Stefan Wulff zwei Semester Bauwesen studiert hatte, begann er mit einem Architekturstudium. „Mein Interesse reicht über das reine Bauen hinaus.“ Ein Beispiel dafür ist der Bau des Maritimen Museums von Peter Tamm in einem alten Kaispeicher in der HafenCity. „Wir mussten die Fassade des alten Speichers erhalten, im Kern aber ein modernes Museumsgebäude errichten.“ Das war eine Herausforderung. Schließlich ging es darum, den Speicher zu entkernen, drei Kelleretagen zu installieren, neue Wände, Aufzüge und Treppenhäuser einzuziehen.

Dieser Bau habe ihn „Respekt vor der alten Bausubstanz gelehrt und davor, was die Kollegen vor 135 Jahren geschaffen haben“, sagt Stefan Wulff. „Die damaligen Baumeister bauten sehr solide, an der einen oder anderen Stelle aber nicht sehr exakt.“ Zudem wurden viele Sonderziegel als Bestandteil der Architektur verwendet. „Das würden Investoren heute alles rausstreichen.“ Die Speicherstadt bestünde, würde man sie in diesen Tagen errichten, „aus zweckmäßigen Schuhkartons“.

Wulff erzählt mit ein wenig Wehmut in der Stimme, ohne dabei die Vergangenheit zu verklären. „Man hat damals in längeren Zeiträumen gedacht.“ Künftig müssen Häuser gebaut werden, deren Zweck sich innerhalb weniger Jahre verändert. „Wir errichten auf dem Gelände der Internationalen Bauausstellung ein Hybridhaus, das Büro- oder Wohnhaus sein kann.“ Ein Teil der Wände lässt sich versetzen. An anderen Stellen reicht es, die Wandverkleidung zu entfernen. „Weil wir beim Verlegen der Rohrleitungen schon heute daran denken, können sie später dort eine Küche oder ein Bad installieren, wo jetzt ein Schreibtisch steht.“

Stefan Wulff ist ein Familienmensch. Vielleicht rühren daher seine Zweifel an dem rasanten gesellschaftlichen Wandel. „Wir sind leider dabei, unser Wertesystem zu verlassen“, sagt er und fügt hinzu: „Ich mache mir darüber Gedanken, dass es immer weniger familiäre Bande gibt und egoistisches Denken zunimmt.“ In erster Linie geht es ihm um Balance. Natürlich steht auch für ihn die Familie an erster Stelle. „Aber jeder muss der Gesellschaft auch etwas zurückgeben.“

Die Otto Wulff Bauunternehmung engagiert sich in Billstedt und unterstützt den gemeinnützigen Verein Kulturpalast Hamburg seit 20 Jahren mit Geld. Wulffs Frau Christin hilft bei der Suche nach weiteren Unterstützern für die Einrichtung, die als wichtiges Kulturzentrum im Osten der Hansestadt gilt. Der 47-Jährige macht keinen Hehl daraus, dass er mit „Hochglanzspendenaktionen“ nicht viel anfangen kann. „Wir engagieren uns für einen Stadtteil, in dem es jede Menge Probleme gibt. Da wollen wir ansetzen und Hilfe leisten.“

Mit „wir“ meint er das Familienunternehmen. Großvater Otto Wulff hatte sich 1932 mit einem Freund zusammengetan und eine Zimmerei gegründet. Die Familie wohnte damals in Billstedt gleich neben dem Bauhof. Für den ersten Auftrag – eine Scheune – gab es drei Schweine als Lohn. Der Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg und das Geschick des Firmengründers bescherten Erfolg. Heute beschäftigt das Unternehmen 336 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Der Umsatz lag im vergangenen Jahr bei 110 Millionen Euro.

Auch wenn das Geschäft in den vergangenen Jahrzehnten rasant gewachsen ist, versteht Stefan Wulff es nach wie vor als Familienbetrieb und sich selbst als Unternehmer. „Ein Unternehmer muss authentisch bleiben und respektvoll mit seinen Mitarbeitern umgehen“, sagt er und fügt hinzu: „Wir stehen nicht darüber, sondern wir sind ein Teil des Unternehmens.“ Im Alltag zeigt sich das daran, dass Wulff seinen Mitarbeitern vertraut. „Wir sind erfolgreich, weil wir unseren Mitarbeitern ermöglichen, Verantwortung zu übernehmen.“ Dass dabei auch mal etwas schiefgehen kann, ist normal. „Einen Fehler machen zu dürfen, gehört zum System.“

Die Unternehmerfamilie würdigt das Engagement der Mitarbeiter, indem „wir uns auch in schlechten Zeiten nicht gleich von Leuten trennen“, wie Wulff es ausdrückt. Zuletzt ging es 2007 und 2008 Hamburgs Baufirmen richtig schlecht. Während viele Betriebe wegen der nachlassenden Konjunktur Mitarbeiter entließen, hielt Wulffs Betrieb die Belegschaft zusammen. Die aktuelle Umverteilungsdebatte, in der oft mit Zerrbildern über „hire and fire“ gearbeitet wird, ärgert Wulff eher. „Dem mittelstandsgeprägten Handwerk in Deutschland tut man damit Unrecht.“

Wulffs Worte klingen gut und sind in dem Tonfall, wie er sie ausspricht, ehrlich gemeint. Aber zur Wahrheit gehört auch, dass er „ein Stück weit das Gesicht des Unternehmens“ ist, wie er selbst sagt. Der Erste unter Gleichen – also jener im Unternehmen, der das Sagen hat. Das Sagen zu haben bedeute zugleich, Verantwortung zu übernehmen. „Man läuft nicht weg“, betont er und ergänzt mit ein wenig Pathos: „Wir feiern Erfolge gemeinsam, und wir stehen gemeinsam Niederlagen durch.“

In der Öffentlichkeit kommt so ein Satz gut an. Wulff kann aber auch auf Fakten verweisen, die für ihn sprechen. Beispielsweise ist seine Firma mit 25 Auszubildenden Hamburgs größter Lehrbetrieb in der Baubranche. Viele große Konkurrenten sind inzwischen „reine Handelshäuser oder Managementunternehmen“ geworden, sagt Wulff. „Wir aber wollen nicht, dass der Bauberuf ausstirbt und langfristig nur noch von Ungelernten ausgeübt wird.“

Hinter diesen Worten steckt auch die Philosophie, nicht nur an den kurzfristigen Erfolg zu denken: „Wir wollen das Unternehmen von Generation zu Generation weitertragen.“ Dass dazu auch wirtschaftlicher Erfolg nötig ist, leugnet Wulff nicht. „Natürlich möchten wir Geld verdienen, und im Übrigen nicht nur wir. Auch meine Mitarbeiter sind froh, wenn am Ende etwas in der Tasche übrig bleibt.“ Dass Billigkonkurrenz aus anderen Ländern es ihm und seinen Mitarbeitern nicht leicht macht, steht auf einem anderen Blatt.

Vielleicht ist es für die Konkurrenzfähigkeit in der Baubranche inzwischen notwendig, aus den eigenen Mitarbeitern Mitunternehmer zu machen. „Wer auf vielen Baustellen ‚tanzt‘, muss loslassen können“, sagt Stefan Wulff. „Ich will Mitarbeiter, die eigene Entscheidungen treffen.“ Diese Mitarbeiter wiederum benötigen einen Chef, der ihnen genau das auch zutraut. Sein Vater ist für ihn dabei ein Vorbild. „Er hat immer gesagt: Die Mitarbeiter sollen nicht ständig zu mir kommen und danach fragen, was sie dürfen und was nicht.“

Diese Freiheit in der Entscheidung hat Stefan Wulff auch selbst erfahren. Seinen Traum, zur See zu fahren, hätte er sich erfüllen können. Wenn er es denn am Ende wirklich gewollt hätte.


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