Das Gymnasium von Königs Gnaden

Vor 275 Jahren wurde das Christianeum in Altona gegründet. Über die strengen Regeln, die der dänische Monarch Christian VI. seinerzeit verordnete, und Traditionen, die bis heute dort gepflegt werden.

Das rechteckige Gebäude des Christianeums liegt flach in der Landschaft. Nördlich des Gymnasiums fährt gerade eine S-Bahn in Richtung Blankenese. Im Süden grenzt des Park des Großflottbeker Tennis-, Hockey- und Golf-Clubs an das Schulgelände. Das Christianeum ist das älteste Gymnasium in Hamburgs Westen und gilt als eines der gefragtesten in der Hansestadt.

Wenn sich die Gründung des Gymnasiums am kommenden Montag zum 275. Mal jährt, dürfte ein Anliegen der Gründer die Zeitläufte überdauert haben: „Das Christianeum hat ein Profil, in dem die klassischen Sprachen eine wesentliche Säule darstellen“, heißt es in der Selbstbeschreibung im Internet. „Latein als erste Fremdsprache ist die traditionelle Basissprache der Wissenschaft; sie schult logisches Denken und Sprachgefühl junger Menschen in besonderer Weise.“

Der Glücksfall des Christianeums heißt Bernhard Leopold Volckmar v. Schomburg. Als der 32-jährige im Jahr 1736 sein Amt als Oberpräsident von Altona antritt, hat er mit der aufblühenden, zum Königreich Dänemark gehörenden Stadt viel vor. Dazu gehört, dass er aus der bestehenden Trivialschule ein „Gymnasium Academicum“ machen will.

Derartige Bildungseinrichtungen waren in jener Zeit auch in anderen deutschen Städten entstanden. „Kleiner und weniger aufwendig in der Unterhaltung als eine Universtiät, wurden sie doch so weit wie möglich mit dem Prestige und dem Charakter einer richtigen Hochschule ausgestattet“, schreibt Ulf Andersen von 25 Jahren in einer Festschrift zum 250-Jährigen Jubiläum des Christianeums.

Schomburg jedenfalls gelingt es, seinen dänischen König, Christian VI., davon zu überzeugen, Altona zu einem geistig-kulturellen Zentrum auszubauen. Die Hoffnung, Hamburgs Ausstrahlung damit etwas entgegenzusetzen, dürfte dabei eine Rolle gespielt haben. Am 3. Februar 1738 weist Christian VI. die Gründung des Gymnasium Academicum an. Wenige Monate später, am 19. September 1738, tragen sich die ersten acht Gymnasiasten in die Matrikel ein. Vollendet wird die Gründung im Mai 1744, als der König den Fundationsbrief unterzeichnet, in dem Privilegien wie Vorschriften für die Studenten festgelegt werden.

Wer heute die Treppen zu dem modernen Schulgebäude hinaufsteigt, mag die damals vom König vorgeschriebene Strenge kaum erahnen. An einer steinernen Schreibtischplatte toben und spielen lautstark ein paar Jungs, obwohl an Türen und Fensterscheiben aufgeklebte Zettel um Ruhe bitten, weil gerade Abiturarbeiten geschrieben werden. In der Aula herrscht in den Pausen Gewusel. Auch hier geht es eher lebhaft und lautstark als rücksichtsvoll gedämpft zu.

Kein Vergleich mit den Vorgaben, die einst der König machte. So war den Schülern „üppiges Liedersingen, Karten- und Würfelspiele, Saufen, Fechten, Schreiben, Tobackschmauchen, im Ernst oder Scherz balgen“ untersagt, zitiert Andersen aus einer Anweisung. Auch wenn die Anordnung einen eher rückwärtsgewandten Eindruck hinterlässt, gilt das Altonaer Gymnasium im 18. Jahrhundert als eine der modernsten Schulen weit und breit.

So ist die Bildungseinrichtung eine Konstruktion aus drei miteinander verbundenen Schulen. An der Spitze steht das Gymnasium, „in dem die Grundlagen der vier klassischen Fakultäten gelegt werden sollen: Theologie, Philosophie, Rechtswissenschaft und sogar Medizin“, wie Andersen schreibt. Das „Pädagogigum“ soll jenen Schülern einen höhere Bildung in Sprachen, Geschichte und Sittenlehre vermitteln, die keinen akademischen Abschluss anstreben. „Die Vorbereitungsschule schließlich legte die Grundlage einer allgemeinen Bildung, auch in Latein, für den damaligen ‚guten Bürger und Christen‘.“

In den zwei, drei Jahrzehnten nach seiner Gründung erlebt das Christianeum eine Blütezeit. Die an ihm lehrenden Professoren und ihre Schriften sind weit über Altonas Grenzen hinaus anerkannt. Hinzu kommt, dass die Bibliothek des Christianeums – durch wertvolle Schenkungen gestärkt – eine ganz eigene Ausstrahlungskraft entwickelt. Am wichtigsten dürfte wohl der Nachlass von Johann Peter Kohl (1698-1778) sein, zu der auch die beiden Kodizes des Christianeums – der Codex Altonensis und der Codex Christianei – gehören.

Wer heute die Bibliothek des Christianeums betritt, hat so gar nicht den Eindruck, als stehe er vor geballter, jahrhundertealter Geschichte. Zwar riecht es nach Leder und Papier, aber in dem langezogenen, flachen Raum mit einer langen Fensterfront reihen sich schlichte, mit Tausenden von Büchern vollgestellte Metallregale aneinander.

Erst wer näher tritt, dem wird der Schatz dieser langen Reihen von Buchrücken deutlich. Die Werke von Johann Wolfgang von Goethe und Johann Gottfried Herder begegnen einem als erstes. Weiter hinten, in einem speziell gesicherte „Bunker“ stehen die Schätze: Ein Druck aus dem Jahr 1471 zum Beispiel, erstellt Peter Schotter, dem Gesellen von Johannes Gutenberg, dem Erfinder des Buchdrucks.

Felicitas Noeske, die Betreuerin der Bilbiothek, spricht von einer „Schatzkiste“ und öffnet ein DIN-A-großes Buch: die Flora Danica, ein Geschenk des dänischen Königs Frederik VI. Die Bibliothek, die heute rund 29.000 Bände enthält, ist eng mit der Geschichte des Christianeums verbunden. „Das wissen auch etliche Schüler, weil wir unseren Geschichts- und Deutschunterricht mit dem Bilbiothek verbinden“, sagt Diana Amann, die Leiterin des Christianeums.

Die Schulleiterin weiß um die Verpflichtung der Tradition. „Humanismus bedeutet für mich, dass ich mich an bestimmte Werte halte“, sagt Amann. „Wenn ein Schüler seine Leistung nicht erbringen kann, versuchen wir ihn zu stützen und zu fördern.“ Zugleich sind ist Leistungswille und die Bereitschaft, das Angebotene sich anzueignen, notwendig. „Der Wille muss da sein“, sagt Amann. „Das ist das Fundament, anders funktioniert das nicht.“

Aber es geht Amann nicht nur um Leistung und die angebotenen Unterrichtsinhalte, sondern auch um „ein Miteinander, bei dem Schüler und Lehrer einander Respekt und Wertschätzung entgegenbringen.“ Diese Athmosphäre kennzeichnet das Christianeum seit seiner Gründung – natürlich stets eingebettet in den historischen Kontext.

Altona gilt in der Gründungszeit des Christianeums – anders als Hamburg – als ausgesprochen liberaler Ort. Viele Glaubensflüchtlinge können sich „in Altona ohne Schwierigkeiten niederlassen und ihrem Beruf nachgehen, ohne einer der bestehenden Zünfte beitreten zu müssen“, schreibt Rainald Geißler in der Festschrift zum 250-jährigen Jubliäum des Gymnasiums. Altona wird in diesen Jahrzehnten, das als „goldenes Zeitalter“ in seine Geschichte eingeht, nach Kopenhagen zur zweitgrößten Stadt im dänischen Königreich.

Das Christianeum versteht sich in seinen Anfangsjahren nicht nur als Teil dieses toleranten Altona, sondern verstärkt diese weltoffene Haltung. 1749 sei der erste „Judenknabe“ in die Matrikel des Christianeums eingetragen worden, schreibt Ulf Andersen und fügt hinzu: „Für lange Zeit galt das Christianeum als die einzige Schule in Deutschland, die jüdische Schüler aufnahm.“ Von 1778 bis 1815 besuchten rund 110 jüdische Schüler die Einrichtung.

Im 19. Jahrhundert springt der „revolutionäre Funke“ zwar mehr auf die Schüler als auf die Lehrer über, aber auch am Christianeum werden „aufrüherische“ Reden gehalten. Als 1817 der Dänisch-Unterricht Pflicht wird, verstärkt sich der Widerstand. Ludolf Winbar, später Dichter der Gruppe des „Jungen Deutschland“, besucht das Gymnasium genauso wie der Verfasser des Schleswig-Holstein-Liedes, Matthias Chemnitz, und der spätere Nobelpreisträger Theodor Mommsen.

1864 gelangt Altona – und damit das Christianeum – unter preußische Herrschaft. In jener Zeit gewinnen auf Grund des wirtschaftlichen Aufstiegs Deutschlands die naturwissenschaftlichen Fächer an Bedeutung. Englisch, Rechnen und Französisch werden als „Ersatzunterricht“ zum Griechischen angeboten, schreibt Andersen. 1937 – ein Jahr vor der 200-Jahr-Feier – wird Altona durch das Groß-Hamburg-Gesetz der Hansestadt zugeschlagen. Damit verliert das Christianeum seine Vorrangstellung in Schleswig-Holstein.

Es dauert noch bis April 1965, bis die ersten 24 Mädchen in der Schule aufgenommen werden und am Christianeum die Koeduaktion eingeführt wird. Das Gymnasium bleibt ein Ort, an dem die Schüler den gesellschaftlichen Fortschritt – wenn auch im Kleinen – vorantreiben. Ende der 60er Jahre setzen sie an ihrer Schule das Modell der Zeugnismitberatung in den 10. Klassen durch.

Heute in Zeiten der Globalisierung „haben Eltern oft Angst, dass ihre Kinder sich später im weltweiten Wettbewerb um gute Jobs nicht gegen ausländische Konkurrenz behaupten können“, sagt Schulleiterin Amann. Schulen müssten daher jungen Menschen das entsprechende Rüstzeug vermitteln, aber so, dass die jungen Menschen ihre Schulzeit nicht als „Leidensphase“ in Erinnerung behalten. „Unsere Aufgabe ist es, Räume für Lernen in angenehmer Atmosphäre zu schaffen“, ist Schulleiterin Amann überzeugt.

Seinem humanistische Ansatz ist das Christianeum über die 275 Jahre seiner Existenz treu geblieben. Und so dürften auch die heutigen Schüler mit Aufforderung an die Schule aus dem 18. Jahrhundert leben können. Damals hieß es: „Alle Unterweisung der Jugend muss zum Zweck haben, dass der Verstand aufgeklärt und das Herz gebessert werde.“


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