Die Geschichte des geschlossenen Heimes

Der Flachbau am Ende der Feuerbergstraße war eher unscheinbar. Wer seinerzeit Zutritt zu dem geschlossenen Heim für jugendliche Kriminelle wollte, der musste waren, bis das mehrere Meter hohe stählerne Tor geöffnet wurde. Der kleine Sportplatz auf dem Heimgelände und die hellen Aufenthaltsräume konnten nicht darüber hinweg täuschen, dass die Jugendlichen, die hier lebten, nicht kommen und gehen konnten, wie sie wollten.

Als 1998 zwei jugendliche Intensivtäter den Lebensmittelhändler Willi Dabelstein töten, wird das Problem der inneren Sicherheit zu einem der wichtigsten politischen Themen in Hamburg. Unter Rot-Grün gilt die Maxime, Jugendliche, die jünger als 16 Jahre sind und gegen Gesetze verstoßen haben, nicht in Untersuchungshaft unterzubringen.

Allerdings haben die Richter auch keine Möglichkeit, die Jugendlichen in Hamburg in ein geschlossenes Erziehungsheim einzuweisen. Die letzten derartigen Heime waren von den Sozialdemokraten in den 80er Jahren geschlossen worden. Statt dessen werden die „ganz harten Fälle“ in intensiv betreuten Wohnungen untergebracht.

Diese Art der Jugendhilfe kostet den Staat zwar viel Geld, hat aber einen entscheidenden Makel: wenn es den Jugendlichen zu viel wird, können sie einfach gehen und sich den Erziehungsmaßnahmen entziehen. SPD und Grüne ignorieren das Problem der inneren Sicherheit Sicherheit und verlieren bei der Bürgerschaftswahl im September 2001 die Macht.

Die aus CDU, FDP und der Schill-Partei bestehende Regierungskoalition verspricht, rasch ein geschlossenes Heim für jugendliche Kriminelle zu errichten. Vor allem die Partei des früheren Amtsrichters Ronald B. Schill hatte im Wahlkampf mit dem Thema innere Sicherheit punkten können und machte sofort nach der Regierungsübernahme Druck.

Bis zu 200 Jugendliche will Schill, inzwischen Innensenator, unter wenig komfortablen Bedingungen unterbringen. Die CDU hält das für übertrieben. Sozialsenatorin Birgit Schnieber-Jastram – in ihrem Ressort wird das geplante Heim angesiedelt – spricht zunächt von 90 Plätzen, die eingerichtet werden sollen.

Als im Januar 2003 das geschlossene Heim in der Feuerbergstraße eröffnet wird, geht es erst einmal darum, die vorhandenen zwölf Plätze zu belegen. Sollte der Bedarf steigen, kann das Heim kurzfristig auf 25 Plätze aufgestockt werden. Allerdings wird diese Zahl in der gesamten fünfjähigen Existenz des Heimes nie erreicht.

Die Unterbringung in dem Heim ist klar geregelt. Voraussetzung ist der entsprechende Beschluss eines Familienrichters. Zudem müssen zuvor alle Möglichkeiten der Jugendhilfe ausgeschöpft sein. Zudem darf ein Jugendlicher maximal für ein Jahr in die geschlossene Unterkunft eingewiesen werden.

In dem Heim sollen die Jugendlichen eine „letzte Chance“ erhalten, ihre „kriminelle Karriere“ ohne Gefängnisstrafe zu beenden. In der ersten Phase ihrer Unterbringung dürfen sie das Heim nicht verlassen. Später sind Ausgänge in Begleitung eines Betreuers möglich. In den Wochen vor ihrer Entlassung dürfen die Jugendlichen auch allein das Heim verlassen.

Während die Grünen und die Jugendhilfe-Szene vor allem aus ideologischen Gründen Sturm gegen die Geschlossene Unterbringungen Feuerbergstraße (GUF) laufen, hält die Kritik der Sozialdemokraten sich zunächst ins Grenzen. Das liegt auch daran, dass Sozialpädagogen in der Einrichtung mit den Jugendlichen arbeiten. Außerdem werden die Jungen beschult.

Allerdings gleicht das Heim in den ersten Monaten nach seiner Einrichtung eher einem „Haus der offenen Tür“. So gelingt Jugendlichen wiederholt die Flucht – auch deshalb, weil die Verantwortlichen in der Sozialbehörde den Eindruck vermeiden wollten, das Heim gleiche einem Gefängnis.

Doch auch im täglichen Umgang mit den Jugendlichen werden in den ersten Monaten des Heimes schwerwiegende Fehler gemacht. So erhalten einige Jugendliche ohne Erlaubnis ihrer Eltern Psychopharmaka. Andere Jugendliche werden eingewiesen, obwohl gesetzliche Einspruchsfristen noch laufen.

Sozialpädagogen berichten später von chaotischen Zuständen und unklaren Strukturen in den ersten Monaten nach der Einrichtung des Heimes. Es fehlt an eindeutigen inhaltlichen Vorgaben durch Heimleitung und Sozialbehörde, an denen das pädagogische Handeln hätte ausgerichtet werden können.

Oft müssen die Betreuer in dieser Zeit Entscheidungen „auf die Schnelle“ treffen, ohne dass klar ist, ob es diese „legitim“ war. Das Ganze geschieht in einer angespannten Atmosphäre. So sei Gewalt gegen die Mitarbeiter an der Tagesordnung gewesen, berichtet Jahre später ein ehemaliger Mitarbeiter. „Es hat ständig eine latente Bedrohung in der Feuerbergstraße bestanden.“

Die Sozialbehörde überarbeitet in der Folgezeit wiederholt das Konzept der Feuerbergstraße. Es gibt eine intensivere Betreuung. Zudem wird vorab eine psychologische Untersuchung eingeführt, bei der festgestellt werden soll, ob die Minderjährigen für die Unterbringung empfänglich sind. Die jährlichen Kosten für das Heim blaufen sich auf 1,4 Millionen Euro.

Die Opposition setzt im Jahr 2005 einen parlamentarischen Untersuchungsausschuss durch, der sich zwei Jahre mit dem Heim beschäftigen wird. Während die Union trotz der Vorkommnisse und der scharfen Kritik an der Einrichtung festhält, lehnen vor allem die Grünen aus grundsätzlichen Erwägungen heraus weiterhin eine geschlossene Unterbringung von Jugendlichen ab. Die Sozialdemokraten wiederum fordern ein gemeinsames Heim aller norddeutschen Bundesländer.

Im Jahr 2007 gerät der Untersuchungsausschuss zum Spektakel. Am 24. Oktober tritt Hamburgs ehemaliger Innensenator Ronald B. Schill vor dem Ausschuss auf, um seine Sicht der Dinge zu präsentieren. Der umstrittene Politiker hatte nach dem Bruch der CDU/FDP-Schill-Koalition drei jahre zuvor Deutschland in Richtung Karibik verlassen und war nur wegen seiner Aussage vo dem Ausschuss zurückgekehrt. Neues kommt während der Vernehmung Schills aber nicht zu Tage.

Als die CDU bei der Bürgerschaftswahl im Februar 2008 ihre absolute Mehrheit verliert, bedeutete das zugleich das Aus für das geschlossene Heim in der Feuerbergstraße. Die Grünen machen als Koalitionspartner rasch klar, dass die Einrichtung dicht gemacht werden muss. Sozialsenator Dietrich Wersich (CDU) schließt sie am 12. November 2008 ganz offiziell.

50 jugendliche mit einem Durchschnittsalter zwischen 15 und 16 Jahren wurden im Verlaufe der Jahre in der Jugendhilfeeinrichtung betreut. 41 von ihnen stammten aus Hamburg. Im Schnitt blieben die Jugendlichen 240 Tage. Meist waren ihnen 20 bis 30 kriminelle Taten zur Last gelegt worden, oftmals gefährliche Körperverletzung, räuberische Erpressung und Raub.

Zuletzt bot das Heim sechs geschlossene und sechs offenen Plätze. Nach seiner Schließung wurden kriminelle Jugendliche in anderen Bundesländern untergebracht. Das Problem: Hamburg hatte nur bedingt Einfluss auf die dort umgesetzten Konzepte der Jugendhilfe. Es sei aber gut, wenn Hamburg sich konzeptionell einbringt, sagt Melanie Leonhard, jugendpolitische Sprecherin der SPD-Fraktion. „Nur so bleibt die Stadt Herr des Verfahrens und ist nicht abhängig von Angeboten oder Einflussnahmen von außen.“


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