Eine Straße für alle

Eingefleischte Radfahrer könnten jetzt eigentlich jubeln. Die Idee, die östliche Strecke an der Außenalster bis hoch zum Leinpfad zu einer Fahrradstraße zu machen, klingt auf den ersten Blick ganz so, als wäre sie in ihrem Interesse. Beim zweiten Blick melden sich jedoch Zweifel.

Eine reine Fahrradstraße wird man nicht einrichten können. Da sind die Anwohner, für die Ausnahmen geschaffen werden müssten. Schon hier wird es knifflig: Wer gilt als Anwohner? Nur jene, die direkt an den Straßenzügen leben oder auch jene, die am Poelchaukamp oder am Mühlenkamp wohnen und abends lediglich an der Alster einen Parkplatz suchen?

Natürlich müssten auch Lieferfahrzeuge von Post oder anderen Dienstleistern die Häuser anfahren dürfen – also sind weitere Ausnahmen notwendig. Bleiben noch die Touristen, die mit eigenem Wagen oder in Stadtrundfahrtsbussen sich durch die schmalen Straßen kutschieren lassen. Die also will man aussperren?

Abgesehen davon, dass weder die Tourismus GmbH noch Hamburgs Tourismusverband von der Idee begeistert sein dürften, stellt sich die Frage: Kann mit Verboten und der Umwandlung normaler Straßen in Fahrradtrassen Hamburgs Wandel zu einer fahrradfreundlichen Metropole vorangebracht werden?

Wohl eher nicht. Stattdessen ist zu vermuten, dass mit solchen Schaufensteraktionen Aktivität lediglich vorgetäuscht werden würde. Experten schätzen, dass zwölf Prozent aller Fahrten in der Hansestadt mit dem Rad erledigt werden. An sonnigen Tagen dürften es deutlich mehr sein. Vor allem in den Sommermonaten sind viele Berufstätige mit dem Fahrrad unterwegs.

Entsprechende Investitionen in den Ausbau von Radwegen sucht man bei den Planungen des Senats allerdings bislang noch vergebens. Wer sich im Alltag mit Hamburgs Fahrradtauglichkeit auseinandersetzen muss, merkt rasch, dass – um es positiv auszudrücken – noch viel zu tun bleibt.

Radwege sind oft holprig oder nur notdürftig ausgebessert. Jetzt im Herbst dauert es eine gefühlte Ewigkeit, bis sie von Laub befreit sind. Im Winter lassen Schneeräumdienste sich bei Radwegen reichlich Zeit. Zudem ist viel zu oft die Grenze zum parallel verlaufenden Fußweg fließend. Selbst Radler, die mit normaler Geschwindigkeit unterwegs sind, stellen eine erhebliche Gefahr für Fußgänger dar. Und umgekehrt.

Ganz eng wird es, wenn Rad- und Autofahrer sich die Straßen teilen müssen. Dann zeigt sich nicht selten, dass „gut gemeint“ das Gegenteil von „gut“ ist. Wer beispielsweise die neu gestaltete Eimsbütteler Chaussee in Richtung Schulterblatt fährt, muss kurz vor der Fußgängerinsel höllisch aufpassen. Dort reicht der Platz nur für das Auto oder den Radfahrer – was für den Letzteren viel zu oft zu einer (lebens-)gefährlichen Situation führt.

Die tägliche Erfahrung widerspricht der Hoffnung auf Gleichberechtigung zwischen Auto- und Radfahrer, wenn beide dieselbe Trasse nutzen. Wer im Auto sitzt, fühlt sich weit weniger verwundbar als derjenige auf dem Rad. Insofern ist die Idee von Velorouten, auf denen Radfahrer Vorfahrt haben, gut. 14 dieser Routen gibt es in Hamburg, insgesamt sind sie 280 Kilometer lang.

Kritiker bemängeln, dass es zu wenige Velorouten gibt und ihr Ausbau viel zu langsam vorankommt. Wenn man beobachtet, wie beim Busbeschleunigungsprogramm geklotzt wird, kann man als Radfahrer schon ein wenig neidisch werden.

Das ändert nichts an der Einsicht, dass ein Ausbau von Radwegen nicht gegen die Bedürfnisse von Autofahrern oder Fußgängern durchzusetzen ist. Sicher: Der Radverkehr in Hamburg muss bei der Verkehrsplanung ein größeres Gewicht erhalten. Aber eine kluge Verkehrsstrategie wird immer ein Kompromiss sein.


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