Der Stern von Bergedorf

Das Büro in der Sternwarte Bergedorf ist schmal. Die Bücherregale ragen bis zur Decke. Lubos Kohoutek, ein schlanker, weißhaariger Mann, lächelt fein und zurückhaltend, als wir in sein Zimmer treten. So sieht er also aus, der Bergedorfer Astronom, der vor 40 Jahren einen Kometen entdeckte, von dem viele Experten anfangs glaubten, es sei der neue Weihnachtsstern.

In der Nacht vom 7. auf den 8. März war Kohoutek eigentlich auf der Suche nach Resten des berühmten Kometen „Biela“, der 1846 auseinandergebrochen war. Der Astronom fotografierte jene Himmelsregion, in der diese Reste auftauchen könnten. Allerdings lag viel Arbeit an, sodass Kohoutek zunächst nicht dazu kam, die 24×24 Zentimeter großen Fotoplatten zu entwickeln.

„Als ich dann am 18. März 1973 die Fotoplatten untersuchte, fiel mir ein diffuser Doppelpunkt auf, der dort nicht hingehörte“, erzählt der 78-Jährige mit leiser Stimme. Kohoutek hatte die Platte im Abstand von 15 Minuten zweimal jeweils sieben Minuten lang belichtet, und das „Nebelfleckchen“ konnte nur eines bedeuten: Das fotografierte Objekt war in der Viertelstunde zwischen der ersten und der zweiten Belichtung weitergewandert.

Es war eine Mischung aus Zufall, Hartnäckigkeit und Fleiß, die Lubos Kohoutek diese Entdeckung ermöglichte. Immerhin hatte seine Kamera an dieser Stelle des Himmels rund 60.000 Sterne abgelichtet. „Vier bis fünf Stunden dauerte die Untersuchung solch einer Fotoplatte“, sagt er. Er weist auf ein Mikroskop, das an einem kleinen Tischchen angebracht ist – darauf hat er vor 40 Jahren „seinen“ Kometen entdeckt. Auf einer von unten angeleuchteten milchigen Glasscheibe lieg eine Art Negativ. Man erkennt durch die Linse unzählige Pünktchen. Ein paar große kann man von den vielen kleinen unterscheiden – mehr aber auch nicht.

Als der Astronom am 19. März 1973 in einem Telegramm der Internationalen Astronomischen Union von seiner Entdeckung berichtet, ahnt er nicht, was diese in den folgenden Monaten auslösen wird. US-Wissenschaftler berechnen den Weg des Kometen. Diese Berechnungen ergeben, dass er etwa zur Zeit um Weihnachten und den Jahreswechsel 1973/74 gut von der Erde aus zu sehen sein würde.

Die Hoffnung, dass „Kohoutek“ ein „heller Jahrhundertkomet“ werden könnte, beruhte auf dem Zeitpunkt seiner Entdeckung. „So früh nach seinem Erscheinen war noch nie ein Komet entdeckt worden“, erzählt Kohoutek heute. Immerhin war der Komet noch 711 Millionen Kilometer von der Sonne entfernt. Die Astronomen vermuteten daher, er müsse einen Durchmesser von bis zu 30 Kilometer haben. Und weil „Kohoutek“ nah an der Sonne vorbeifliegen sollte, würde er besonders hell leuchten.

Kometen haben in der frühen Menschheitsgeschichte eine besondere Rolle gespielt. Sie kommen aus den Tiefen des Alls, sind von der Erde aus nur kurz zu sehen und verschwinden wieder in der Dunkelheit. Daher wurden Kometen oft als Vorzeichen für Katastrophen und Unheil angesehen. Unter Wissenschaftlern gelten Kometen hingegen als die ältesten Zeugen der Entstehung unseres Sonnensystems. „Sie stammen aus der Oort’schen Wolke, die sich im äußersten Bereich unseres Sonnensystems befindet“, sagt Kohoutek. Er schätzt, dass es mehr als eine Milliarde Kometen geben könnte.

Der US-Astronom Fred Whipple bezeichnete Kometen als „schmutzige Eisberge“, weil sie aus gefrorenem Wasser, Gasen, Staub und Gesteinsbrocken bestehen. Nähert sich ein Komet der Sonne, verdampfen Wasser und Gase. Dadurch entsteht eine Art leuchtende Atmosphäre. Zugleich vergrößert sich der Gasball – der Koma – um seinen Kern. Und es entsteht ein Schweif.

Durch die frühe Entdeckung des Kometen „Kohoutek“ konnten die Wissenschaftler sich auf den Vorbeiflug intensiver vorbereiten als jemals zuvor. Die US-Raumfahrtbehörde Nasa programmierte ihre Venus- und ihre Merkursonde so um, dass sie ihn fotografieren konnte. Die beiden Sonnensonden Pioneer 6 und 8 sollte den Schweif vermessen. Die Besatzung des Himmelslabors Skylab brachte spezielle Messinstrumente an. Ihr Ausflug ins All wurde von 53 auf 85 Tage verlängert.

Allerdings strahlte der Komet dann nicht so hell wie erwartet. Trotzdem war er für geübte Augen Ende Dezember und Anfang Januar vor 40 Jahren auch über Hamburg zu erkennen. Und er hinterließ auf der Erde seine Spuren. Die Bands REM und 808 State veröffentlichten Songs mit dem Titel „Kohoutek“. Die Gruppe Kraftwerk produzierte die „Kohoutek-Kometenmelodie“, und der Jazzmusiker Sun Ra veröffentlichte das „Concert for the Comet Kohoutek“. Einen weiteren Beweis für die Berühmtheit des Kometen lieferten die „Simpsons“. In der Folge „Barts Komet“ setzt Direktor Skinner alles daran, einen Kometen zu entdecken und „es diesem Kohoutek zu zeigen“.

Lubos Kohoutek kann heute darüber schmunzeln, zumal der Komet, der ihn weltbekannt gemacht hat, seine Hauptarbeit, nämlich die Erforschung planetarischer Nebel, nicht weiter beeinflusste. Von dem Aberglauben, wonach Kometen Vorboten des Bösen und Schrecklichen seien, hält er indes nicht viel. „Für mich zählt allein die Vernunft“, sagt er.


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