Erst Punkrocker, dann Bürgermeister

Er wirkt, als komme er gerade aus dem Wald. Jón Gnarr, Bürgermeister von Islands Hauptstadt Reykjavik, stapft in seinen schweren, braunen Waldarbeiterschuhen die Treppe zum KörberForum an der Kehrwiederspitze hoch. Seine grüne Leinenhose passt zur grünen Winterjacke. Als er diese aufknöpft, kommt ein brauner Strickpullover mit großem Friedenszeichen zum Vorschein.

So sieht er also aus, der unkonventionelle Bürgermeister aus dem hohen Norden. In seiner Jugend galt Gnarr als schwer erziehbar, verließ die Schule und lebte zwei Jahre lang in einem Heim. Später arbeitete der heute 47-Jährige als Taxifahrer, pflegte Behinderte und machte Musik – als Bassist der Punkband Die triefenden Nasen. In Island wurde er bekannt als Schauspieler und Komiker.

Als der Inselstaat 2009/2010 – neoliberale Politiker hatten aus Island ein Schwergewicht der Finanzwelt machen wollen, mächtig gezockt und am Ende Schulden angehäuft, die 16-mal höher als das Bruttosozialprodukt waren – in eine schwere Krise geraten war, hatte Gnarr eine Idee: Er gründete die Spaßpartei Besti flokkurinn (Beste Partei).

In seinem Wahlwerbespot versprach er einen Eisbären für den Zoo in Reykjavik und kostenlose Handtücher im öffentlichen Schwimmbad. Sich selbst zu bereichern versprach er auch. Mit seinen abstrusen Wahlversprechen habe er damals die Demokratie kritisieren wollen, sagt er heute. Er habe klarmachen wollen, dass er nicht etwas versprechen werde, das er nicht halten könne, er aber bereit sei, für die Stadt sein Bestes zu geben.

Inzwischen sitzt er in einem Büro. Eine leise Stimme hat er, dieser Jón Gnarr. Oft sucht er nach Worten, korrigiert etwas Gesagtes. Dabei streut er immer wieder ein entwaffnendes Lächeln oder ein herzliches Lachen ein. Die persönliche Begegnung lässt erahnen, warum dem 47-Jährigen sein politischer Erfolg beschieden war.

Auch bei den Wählerinnen und Wählern in Reykjavik kam die Botschaft an. Bei der Bürgermeisterwahl 2010 erzielte die Besti flokkurinn 35 Prozent, und Jón Gnarr wurde – in einer Koalition mit den Sozialdemokraten – Chef der isländischen Hauptstadt. Mehr als zwei Drittel der Isländer leben in Reykjavik. Gnarrs Einfluss war entsprechend groß. So groß wie die Herausforderungen, vor denen der Künstler und seine Freunde plötzlich standen. Gnarr strich Zuschüsse für Musikschulen, entließ 60 Mitarbeiter des städtischen Energieunternehmens und sorgte dafür, dass kein Politiker mehr im Verwaltungsrat des Unternehmens saß.

Aber der neue Bürgermeister setzte auch auf direkte Demokratie. Mithilfe der Internetseite „Besseres Reykjavik“ wollte er die Einwohner seiner Stadt dazu bewegen, aktiv bei den kommunalen Belangen mitzubestimmen. In diesem Punkt blieb der Erfolg überschaubar. Nur acht Prozent der Einwohner machten bei „Besseres Reykjavik“ mit. Gnarr hatte sich 20 Prozent erhofft.

Nchtsdestotrotz blieb der ehemalige Punkrocker seiner Rolle als unbequemer und zuweilen provokanter Zeitgenosse treu. Einer chinesischen Handelsdelegation, die in Reykjavik zu Besuch war, gab er zu verstehen, dass er erst mit ihr reden werde, wenn der Schriftsteller Liu Xiaobo freigelassen wird. Das kam bei den Wählern gut an. Laut Umfragen würde die Partei von Gnarr inzwischen auf 37 Prozent der Stimmen kommen.

Bei der diesjährigen Wahl will er jedoch nicht antreten. Er habe seinen Job erledigt, sagt er, lächelt und fügt hinzu: „Meine Mission ist erfüllt.“ Außerdem müsse er als Politiker mit Leuten arbeiten, die er sich selbst als Kollegen nicht ausgesucht hätte. Auf die Frage, inwieweit die vergangenen vier Jahre ihn verändert hätten, schweigt Jón Gnarr eine Weile. Er habe „große Momente des Selbstzweifels“ erlebt, sagt er dann, und ihm sei heute klar: „Man kann diese Aufgabe nur meistern, wenn es einem gelingt, man selbst zu sein.“

Sicher, er habe es auch geschafft, die Verwaltung effizienter zu machen. Entscheidend sei aber gewesen, immer wieder Vertrauen in die eigene Person zu entwickeln. Das bedeute oft, Konflikte einzugehen und auszuhalten. „Teil des Problems zu sein ist oft leichter, als Teil der Lösung zu werden.“

Die Erfindung seiner Partei sei für Reykjaviks Genesung unerlässlich gewesen, sagt Gnarr, der sich selbst als „Anarcho-Surrealist“ bezeichnet. Seine Freunde und er hatten nichts zu verlieren und konnte deshalb größere Risiken eingehen.

Zu diesen Risiken gehörte auch der Umgang mit Macht und dem Widerstehen ihrer Verlockungen. „Ich habe Respekt vor der Macht“, sagt Jon Gnarr. „Die Gefahr, dass sie sich wie ein Virus in den Kopf schleicht, ist groß.“

Und wie hat er sich vor dieser Gefahr geschützt? „Zum einen, dass ich entschieden habe, den Job als Bürgermeister nur eine gewisse Zeit zu machen.“ Zum andere sei es wichtig, Teile der eigenen Macht an Menschen, denen man vertrauen kann, zu delegieren. „Man muss anderen Menschen erlauben, Verantwortung zu tragen.“

Montagabend nahm Jón Gnarr an einer Podiumsdiskussion der Körber-Stiftung zum Thema „Wir sind Demokratie!“ teil. Für seinen Auftritt hat er sich umgezogen. Er sitzt nun mit weißem Hemd, blauem Jackett und schwarzem Künstlerschal auf der Bühne.

Während seine Gesprächspartner, die Piratenpolitikerin Marina Weisband und der Philosoph Richard David Precht, blass bleiben, wirkt Gnarr deutlich präsenter. Das mag auch daran liegen, dass er die klareren Worte findet. Etwa wenn er sagt, es gebe „viel zu viele Autoverkäufer in der Politik“, und dafür plädiert, dass mehr Künstler und junge Menschen politisch aktiv sein müssten.

Aber weitermachen und bei der diesjährigen Wahl erneut antreten, wolle er dennoch nicht. „Wenn ich weitermachen würde, müsste ich Politiker werden“, sagt Jón Gnarr. „Aber ich bin kein Politiker, ich bin Künstler.“


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