Die Region des Draußenseins

Nein, willkommen ist der Mensch hier nicht! Abweisend, unnahbar, unwirtlich – so empfängt die Finnmark im Norden Norwegens ihren Besucher. „Wir wollen dich nicht, Mensch!“ scheinen die massiven Höhenzüge immerfort zu rufen. Den Winter mit seinen Temperaturen von bis zu Minus 40 Grad Celsius bedarf es da eigentlich nicht.

Doch in der Wildheit seiner Landschaft wiederum liegt der Reiz der Finnmark. Einer Landschaft, die oft sich selbst überlassen ist und keine künstlichen Reize benötigt. Wer hier lebt, der hat sich von der Hochebene ein kleines Stückchen Lebenswelt abgetrotzt – sei es durch ein gut isoliertes Wohnhaus oder durch Kleidung aus Rentierfell, die besser wärmt, weil die Rentierhaare prächtig isolieren.

Ich bin nach Karasjok gereist, neben Kautokeino und Alta eine der drei „großen“ Städte der Finnmark. Wobei der Begriff „groß“ – bezieht man ihn auf die Zahl der Menschen, die hier oben, gut 300 Kilometer nördlich des Polarkreises, leben – relativ ist. Rund 2700 Einwohner zählt Karasjok; Kautokeino kommt gerade mal auf 2900 Einheimische. Auf der gesamten Fläche der Finnmark leben 73.000 Menschen. Zum Vergleich: das Gebiet ist größer als Dänemark mit seinen sieben Millionen Einwohnern.

Die Menschen, die hier leben, beschreiben sich gern als Individualisten. Ihre Region wirbt um Touristen deshalb mit dem Versprechen, ein Ziel für jene zu sein, die dieses lieber selbst entdecken als es von anderen gezeigt zu bekommen. Wer hier siedelt und arbeitet, hat sich bewusst für die Einsamkeit entschieden.

Norwegens Hauptstadt Oslo ist weit, Europa noch weiter. Zwar bringen auch hier oben moderne Informationstechnologien die Welt in jedes Wohnzimmer. So gehört das Smartphone zur Grundausstattung wie der eigene Facebook-Account. Und doch tickt das Leben anders. „Die Natur und das Wetter bestimmen den Tagesablauf“, erzählt John Henrik Guttorm.

Der 28-Jährige nimmt uns mit hinaus in die Tundra zur Rentierherde seiner Familie. Zunächst fahren wir vierzig Kilometer mit dem Bus; dann geht es weiter auf dem Holzschlitten, der von einem Schneemobil gezogen wird. Gleich zu Beginn führt die wilde Fahrt bergan. Wir passieren Nadelbäume, dann Sträucher. Die Baumgrenze liegt in der Finnmark-Hochebene bei etwas mehr als 300 Meter – deutlich tiefer als in südlicheren Gefilden. Immer wieder durchqueren wir Mulden, wo der Schnee eisig ist und die Kufen des Schlittens hart aufschlagen. Auf anderen Abschnitten gleitet unser Gefährt dagegen sanft dahin.

Die Berge der Finnmark wirken bei weitem nicht so majestätisch wie jene an den Fjorden der norwegischen Westküste. In der Hochebene ziehen sie eine gefällige Linie. Man kann weit blicken. Die Täler sind nicht tief, aber ausladend. Dort, wo kein Gestrüpp mehr wächst, tragen die Bergkuppen weiße Hauben.

Wir haben die Futterstelle für die Rentiere erreicht. Arne Graven, der Vater von John Henrik, hat ein Heu ausgelegt. Nach und nach gewöhnen sich die scheuen Tiere an die ungewöhnlichen Gäste, kommen näher und fressen. Wir sitzen derweil an einem Lagerfeuer und Arne Graven erklärt, wie schwierig es im Winter für die Tiere sei, an Futter zu kommen. Dazu hat er mit einer Schaufel ein Loch in den Schnee gegraben. Am Boden sind Äste von Sträuchern erkennen. „Das ist das, was die Rentiere fressen“, sagt der 65-Jährige.

Dann streicht er die oberste Schneeschicht beiseite. Sie ist luftig und lässt sich leicht durchdringen. Bei der nächsten Lage – der Schnee ist älter und schon in sich zusammengefallen – wird es schwieriger. Fast unmöglich ist es für die Tiere, mit ihren empfindlichen Nasen die dritte, vereiste Schicht zu durchstoßen. Dieses Jahr ist besonders, weil es viel Schnee hat, erzählt John Henrik Guttorm. Bei dünner Schneedecke haben es die Tiere einfacher, an ihr Futter zu kommen. Mehrere Hundert Kilometer sind Rentierzüchter übers Jahr mit ihren Herden unterwegs. Im Frühling und Sommer geht’s an die Küsten. Jetzt, im Winter, liege dort zu viel Schnee, sagt Arne.

Einige Stunden später treffen wir Liv Engholm. Die 32-Jährige kehrte nach zehn Jahren Studium der Wirtschaft und der Kunst in Oslo auf die Husky-Farm ihres Vaters sechs Kilometer außerhalb von Karasjok zurück. „Mir fehlte das Gefühl, durchatmen zu können“, erzählt sie. Draußen sein, sich selbst spüren. „Hier zu leben, ist eine Haltung“, meint Liv Engholm. Diese sucht man sich nicht aus. Sie steckt in einem.

Fünf Jahreszeiten gibt es hier, berichten die Einheimischen: den Sommer und vier Arten von Winter. Der Winter ist das Maß aller Dinge. Im Durchschnitt acht Monate hält er die arktische Region im Griff. Oft liegen die Temperaturen über mehrere Monate nacheinander unter dem Gefrierpunkt. Als erstes komme im Oktober und November der „Herbstwinter“, erzählt Kristel Finne, die auch auf der Engholm-Huskyfarm lebt. Die Tage werden kürzer, die Sonne schafft es nur noch mühsam über den Horizont. Als Ausgleich wird die Landschaft oft in zauberhaftes Licht getaucht. „Die Berge leuchten an manchen Tagen in herrlichem Gold“, erzählt Kristel Finne.

Ende November dann beginnt der „Dunkelwinter“. Die Sonne bleibt gut acht Wochen hinter dem Horizont verborgen. Licht wird zur Mangelware, auch wenn in den Monaten der Polarnacht ein Tag in der Finnmark durch das Blauweiß des Schnees heller wirkt als manch trüber Novembertag in Hamburg. Auf den Seen wächst derweil die Eisschicht – Zentimeter um Zentimeter; auf den Bergen – so scheint es – erstirbt jegliches Leben.

Wenn die Sonne zurückkehrt – in diesem Jahr war es am 21. Januar so weit – startet die Herrschaft des „kalten Winters“, erzählt Kristel Finne. Vor allem, wenn der Himmel aufklart und sein prächtiges Blau offenbart, stürzen die Temperaturen ins Bodenlose. Wer nach einer Nacht mit Minus 40 Grad Celsius die Natur betrachtet hat, wird diesen Anblick nie vergessen. Es scheint, als hätte sich eine Schicht von kleinen Diamanten um die Äste der Bäume gelegt. Geht dann die Sonne auf, brechen sich ihre Strahlen millionenfach in den Eiskristallen. Ein wahres Funkeln weit und breit, dass die Augen schmerzen vor so viel Pracht. Dazu kommt die kalte klare Luft, die man – so scheint es jedenfalls – noch Sekunden nach dem Einatmen spürt.

„Zu guter Letzt gibt es im April den Frühlingswinter“, schwärmt Kristel Finne. Wenn die Schneeschmelze anbricht, wird es laut. Bäche schwellen zu Flüssen an, Millionen Kubikmeter Wasser rasen donnernd in Richtung Atlantik. Überall taut es. „Im Wald macht es nur noch glucks, glucks, glucks.“ Die Wälder erwachen aus ihrer Winterstarre und tun dies aller Welt kund.

Frühling und Herbst seien nur eine kurze Durchgangsstation, ergänzt Liv Engholm. „Wenn die Sonne spät im Mai stark wird, steigen die Lufttemperaturen rasch an.“ Dann „explodiert“ die Natur, wissend, dass ihr nur ganze vier Monate Zeit bleiben, sich in ihrer ganzen Pracht zu zeigen.

Während beiden jungen Frauen und die Rentierzüchter erzählen, wird deutlich, wie sehr hier draußen in der Finnmark das Leben auf das Wesentliche reduziert wird. Als wir in den Bergen bei den Rentieren sitzen, geht es vor allem darum, den eigenen Körper, die Füße und Hände warm zu halten. Den Rücken immer in die Richtung drehen, aus der gerade der eisige Nordwind kommt. Das Gesicht schützen durch einen Schal.

Die Finnmark ist nichts für Spaßurlauber. Wer hierher reist, der sucht die Anstrengung, die Nähe zur Natur und jene Momente tiefer Zufriedenheit, die sich nach schweißtreibendem Stapfen durch den Schnee oder stundenlangem Wandern über Stock und Stein einstellen. Hin und wieder müssen die Muskeln brennen; manchmal muss einem Luft ausgehen. Dann wird das Anhalten zum Innenhalten.

Zugleich verschwindet schon nach wenigen Stunden die Alltagshektik im eigenen Kopf. Die frische Luft belebt den Körper und unmerklich verlieren sich quälende Gedanken in den Weiten der Tundra. Spätestens dann, wenn man angesichts der Unwirtlichkeit sich fragt, wie um alles in der Welt in früheren Jahrhunderten Menschen hier ihr Leben meistern konnten, ist man angekommen.

Möglicherweise liegt einer der Gründe für den Zauber der Finnmark darin, dass sie uns modernen Menschen so direkt mit den Urgewalten der Natur konfrontiert und tief in unserem Bewusstsein vergrabene Erfahrungen aus früher Vorzeit anrührt. Natürlich gehören Autos, Fernsehen, eine warme Dusche und Schneemobile auch hier zum Alltag. Wer aber beim Hocken um ein Lagerfeuer in der Tundra mit den Elementen zu kämpfen hat, den ergreift eine – wenn auch eine ferne – Sehnsucht nach „echtem“ Leben.

Das Angebot, derartige Sehnsüchte zu erfüllen, ist in der Region, groß. Im Winter reicht es von mehrtägigen Touren mit Schlittenhunden über Fahrten mit dem Schneemobil bis hin zum Schneeschuhwandern. Im Sommer sind die Flüsse der Finnmark bei Anglern beliebt – der Altafluss gilt als einer der besten, um Lachse zu angeln. Hinzu kommen Angebote für Trekkingtouren und Kanufahrten.

Auch wenn die Finnmark tolle Museen wie das Alta-Museum mit seinen 9000 Jahre alten Felsenzeichnungen vorweisen kann, so ist es doch eine Region des Draußenseins. Zu den schönsten Erlebnissen gehört es, sich in kalten Winternächten auf die „Jagd“ nach dem Polarlicht, der Aurora borealis, zu machen. Weil – vereinfacht gesagt – Teilchen von Sonnenwinden beim Aufprallen auf der Erdatmosphäre zu leuchten anfangen, wird der Nachthimmel zur Leinwand für ein atemberaubendes Schauspiel mit grünen und roten Farben.

Wenn man das Glück hat, so ein Leuchte mit eigenen Augen zu sehen, fühlt man sich dem Himmel ganz nah. Was bleibt, ist ein Moment, von dem man den Daheimgeblieben zwar erzählen wird. Von dem man aber auch weiß, dass er unteilbar ist.


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