Die Erfindung des fahrbaren Mittagstischs

Für manche war es die erste warme Mahlzeit seit einigen Monaten: Mit dieser Schlagzeile berichtete das Hamburger Abendblatt Ende Februar 1964 über die Erfindung eines „fahrbaren Mittagstischs“, für den sich im Volksmund rasch die Bezeichnung „Essen auf Rädern“ durchsetzte. Im Bezirk Eimsbüttel hatte der Deutsche Paritätische Wohlfahrtsverband zum ersten Mal in der Hansestadt betagten Menschen warmes Essen an die Haustür gebracht.

Von diesem Service profitierten vor allem jene, die „zu hilflos sind, um sich allein mit warmem Essen versorgen zu können“, schrieb das Abendblatt seinerzeit. Eine Mark kostete die ins eigene Heim gelieferte Mahlzeit und gekocht wurde sie in einer Großküche des Hamburger Schulvereins. Zum Start wurden wurden 50 ältere Menschen versorgt. Im Auftaktjahr 1964 fuhr der Paritätische Wohlfahrtsverband insgesamt 3500 Portionen aus.

Die Mahlzeiten sollten sich dabei nach den Bedürfnissen älterer Menschen richten, wobei man sich vor 50 Jahren unter seniorengerecht etwas anderes vorstellte als heute. So gab es beispielsweise auch Bohnen und Speck. Gebracht wurde das Essen in sogenannten Kombiwagen. Um das Essen warm zu halten – Styropor gab es zu jener Zeit noch nicht – wurden die Mahlzeiten in vierteiligen „Menagen in Wärmekisten“ ausgefahren. Das einzelne Gericht wurde in Aluminium-Töpfen geliefert.

Der Start des Projekts war jedoch alles andere als einfach. „Es fehlt an Geld“, berichtete das Abendblatt und bat seine Leser, „durch ein paar Groschen dazu beizutragen, dass alte Menschen, die fast vergessen irgendwo im Häusermeer unserer Stadt leben, wenigstens einmal warm essen können“. Außerdem mangelte es an Personal. „Schwierig ist es für uns, immer einen jugendlichen Beifahrer zu bekommen“, heißt es in den Akten des Paritätischen. Jüngere Menschen mussten es deshalb sein, „weil oft viele Treppen zu steigen sind und es schnell gehen muss“.

Trotz der schwierigen Ausgangsbedingungen wurde das „Essen auf Rädern“ innerhalb kurzer Zeit zu einer Erfolgsgeschichte. Schon einigen Wochen später lieferte der Paritätische mehrere hundert Essen nach Eimsbüttel und Eppendorf. Wegen des großen Erfolgs beteiligten sich rasch andere Wohlfahrtsverbände an dem fahrbaren Mittagstisch. Dazu wurde Hamburg in „Sektoren“ – Liefergebiete – aufgeteilt.

Allein der Paritätische Wohlfahrtsverband lieferte zwischen 1964 und 1986 insgesamt rund 2,5 Millionen Portionen aus. Im Jahr 1970 lag die jährliche Zahl der Essen bei 86.700, zehn Jahre später bei 162.000. Schätzungen zufolge bekommen gegenwärtig in ganz Deutschland rund 320.000 Menschen täglich ihr Essen nach Hause geliefert.

Ursprünglich stammt die Idee für das „Essen auf Rädern“ aus England. 1943 wurde dort die Idee der „Meals on wheels“ geboren. Frauen des Women’s Royal Voluntary Service bereiteten warme Mahlzeiten zu, die an ältere, pflegebedürftige Menschen geliefert wurden. Als Transportmittel dienten anfangs Fahrräder, und das Essen wurde in einem Henkeltopf aufbewahrt. 18 Jahre später gelangte die Idee nach Deutschland. In Berlin lieferte 1961 das Nachbarschaftshaus an der Urbanstraße die ersten warmen Mahlzeiten an Rentner im Bezirk Kreuzberg.

Während inzwischen in ländlichen Gebieten diese Aufgabe oft allein von Wohlfahrtsverbänden übernommen wird, ist die Konkurrenz mit privaten Anbietern in Hamburg sehr groß. Daher stellte der Paritätische Wohlfahrtsverband sein Angebot in der Hansestadt 1995 ein.

Von den großen Wohlfahrtsverbänden bieten in der Hansestadt lediglich die Johanniter noch „Essen auf Rädern“ an. Allerdings arbeitet der Wohlfahrtsverband mit dem Privatunternehmen Apetito, das in Europa zu den Marktführern bei Fertigmenüs gehört, zusammen. „Wir haben etwa 280 Kunden“, erzählt Tobias Rosenberg, der in der Johanniter-Zentrale im Stadtteil Wandsbek Bestellungen annimmt, sich um die Abrechnungen kümmert und am Telefon Kunden berät.

Zwischen 6,19 Euro und 6,99 Euro kostet bei den Johannitern ein Gericht im Durchschnitt. Das Angebot ist vielfältig. „Aber die ältere Generation mag besonders Fleischgerichte“, erzählt Fachbereichsleiterin Manuel Valley. „Sauerbraten, Kassler mit Sauerkraut – deftiges Fleisch wird das ganze Jahr über verlangt.“ Vegetarische Gerichte dagegen sind kaum gefragt.

Die Mehrheit ihrer Kunden ist über 85 Jahre alt, sagt Valley. Oft entsteht der erste Kontakt über ambulante Pflegekräfte, die merken, dass der Betroffene sich nicht mehr richtig ernährt oder Probleme beim Kochen von Essen hat. Der Fahrer der Johanniter wiederum, der täglich das Essen bringt, bekommt rasch mit, wenn etwas nicht stimmt. „Wenn der Kunde nicht aufmacht, dann ist das etwas“, sagt Valley.

Auffällig ist, dass 90 Prozent der Essensportionen an Frauen gehen. Das ist ganz anders als vor 50 Jahren. „Es gibt viele alte Leute, besonders alleinstehende Männer, die vor einer Heimunterbringung bewahrt werden könnten, wenn ihnen die Mühe des Kochens abgenommen und eine warme Mahlzeit in die Wohnung würde“, heißt es in einer Akte aus jener Zeit.


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