In der Fremde alt werden

Manchmal lächelt sie ein wenig. Aber die meiste Zeit sitzt die ältere Dame mit dem Kopftuch schweigend am Tisch. Vor ihr stehen eine Tasse Tee und ein leerer Joghurtbecher. Ihr Blick ist in die Weite gerichtet – so als warte sie auf etwas. Draußen, vor dem Fenster, hat der Frühling begonnen. Ein paar warme Tage gab es schon. Frisches Grün ist allenthalben zu sehen.

Das Gelände des Pflegeheims Am Husarendenkmal in Marienthal ist weitläufig und ruhig gelegen. Die Großstadt scheint weit weg. Seit Anfang März gibt es in dem Heim einen speziellen Bereich für Bewohner muslimischen Glaubens. Unten, im Erdgeschoss. Im Stockwerk darüber leben deutsche Pflegebedürftige.

Zwei Jahre habe die Vorbereitung gedauert, erzählt Heimleiter Anthony Hodgson. „Wir haben uns entschieden, die Abteilungen voneinander abzugrenzen. Damit gibt es erst einmal keine Orte, wo die Gruppen sich mischen und es zu Missverständnissen kommt.“

In dem Gebäude ist es ruhig. Hin und wieder schleicht eine Person über den Flur. Am Ende, hinten rechts, dort, wo der künftige Gebetsraum für Männer sein wird, tapeziert ein Handwerker die Wände. Als wir näherkommen, hören wir die Musik, die im Radio dudelt.

Das farbenfrohe orientalische Stuckornament an der Zimmerdecke springt dem Besucher ins Auge. Der Heimdirektor lächelt. Er weiß, wie wichtig der erste Eindruck ist. Vor allem bei den Familienangehörigen. Letztlich entscheiden sie darüber, ob Mama oder Papa im Heim einziehen.

Schwierig wird es ohnehin. Im islamischen Kulturkreis tun die Kinder sich besonders schwer, die Eltern in fremde Hände zu geben. „Es wird als Schande angesehen, seine Mutter oder seinen Vater von anderen Menschen pflegen zu lassen“, sagt Abdullah Ahrari, der im Jahr 2000 den interkulturellen Pflegedienst „Ariana“ gründete und aus Afghanistan stammt. Verwandte oder Bekannte greifen dann schon mal zum Telefon und üben Druck aus.

Doch inzwischen überholt die gesellschaftliche Realität auch traditionelle islamische Familienwerte. Töchter und Söhne von Migranten müssen oftmals beide arbeiten, um über die Runden zu kommen.

Hinzu kommt, dass der Anspruch der Altvorderen auf Pflege nicht selten mit Wünschen und Zielen junger Migranten kollidiert. Sie seien oft nach Deutschland gekommen, weil sie hier etwas lernen und ihre Chancen auf Wohlstand nutzen wollten, sagt Abdullah Ahrari. Die Pflege der Eltern passe daher oft nicht in die Lebensplanung. „Für junge Menschen ist das ein Leben zwischen Baum und Borke.“

Nicht zuletzt hat hierzulande die Zahl älterer Migranten innerhalb weniger Jahre deutlich zugenommen. Allein in Hamburg leben rund 50.000 Migranten, die älter als 60 Jahre sind. Damit einher geht die steigende Zahl pflegebedürftiger Migranten. Rund 192.000 leben in Deutschland. Das seien etwa acht Prozent aller Pflegebedürftigen, sagt Torben Lenz vom Zentrum für Qualität in der Pflege in Berlin (zqp).

Bei genauerer Betrachtung der Zahlen fällt auf, dass von den Menschen, die besonders pflegebedürftig sind, überproportional viele Migranten sind. In der Pflegestufe drei liege ihr Anteil bei 15 Prozent, während er sonst neun Prozent betrage, sagt Lenz. Ferner seien pflegebedürftige Migranten im Durchschnitt 62,1 Jahre alt und damit gut zehn Jahre jünger als deutsche Pflegebedürftige.

Experten führen dieses Ungleichgewicht darauf zurück, dass viele der aus dem islamisch geprägten Kulturkreis eingewanderten Menschen in den Sechziger- und Siebzigerjahren als Gastarbeiter nach Deutschland kamen und Arbeit oftmals nur in gesundheitlich besonders belastenden Berufen fanden.

Im Gegensatz zu diesen Zahlen spielt die stationäre Pflege, also die Übersiedlung in ein Heim, bei Migranten bislang eine geringere Rolle als bei deutschen Pensionären. Nur wenige Pflegeheimbewohner haben einen Migrationshintergrund.

Experten haben herausgefunden, dass Migranten deutsche Pflegeheime meiden, weil Pflegekräfte ihre Sprache nicht sprechen und ihre Kultur nicht verstehen. Zwar sprechen 68 Prozent der Migranten nach eigenen Angaben Deutsch. Aber gerade im späteren Alter drängen sich Prägungen aus frühester Jugend wieder in den Vordergrund.

„Anders sieht es aus, wenn in der Einrichtung die eigene Sprache angeboten wird“, hofft Hodgson. „Dann ist für Migranten die Hürde, in ein Pflegeheim zu ziehen, vielleicht doch nicht so hoch.“ In Marienthal arbeiten in der Abteilung fünf afghanische und zwei türkische Pflegekräfte sowie eine polnische Pflegekraft.

„Wir stellen sicher, dass zu jedem Zeitpunkt ein Mitarbeiter da ist, der die persische Sprache spricht“, sagt Hodgson. Ziel sei es, Migranten aus dem Iran, aus Afghanistan und der Türkei sowie deren Angehörige zu interessieren. Iraner und Afghanen sprächen – mit unterschiedlichem Dialekt – dieselbe Sprache. Die Kultur der Türken wiederum sei jener der Perser ähnlich. „Deshalb glauben wir, dass sie in einem Bereich zusammenleben können“, sagt Heimleiter Hodgson.

Der Samowar, in dem Wasser erhitzt wird, köchelt leise. Die Pflegerin Karakütük Feride gießt aus einer silbernen Kanne Teesud in eine Glastasse. Herr Zohani schaut interessiert zu. Der über 80-Jährige ist erst seit ein paar Wochen im Heim und die kleine Teezeremonie weckt Erinnerungen an eine frühere Zeit. Manchmal wird er etwas trauriger, und dann benötigt er Trost.

Auch wenn es in der Hansestadt erst zwei derartige Angebote gibt – neben dem Heim in Marienthal bietet die Diakonie in Lurup ebenfalls Pflegeplätze für Migranten an –, sieht Hodgson darin einen sozialen Auftrag. Bei der Kinderbetreuung, in der Schule oder im Parlament werden die Interessen von Muslimen ganz selbstverständlich berücksichtigt. „Jetzt kommen die Pflegeheime dazu“, sagt Hodgson. Das Heim Am Husarendenkmal sei „ein erster Schritt, ältere Menschen aus der Isolation herauszubringen“, fügt der Direktor hinzu. Die Sprache sei zwar wichtig. „Aber Integration geht nicht ausschließlich über die Sprache. Wer Deutsch sprechen kann, ist nicht automatisch in die Gesellschaft integriert.“

Die Zusammenarbeit mit Abdullah Ahrari von Ariana bezeichnet Direktor Hodgson als große Chance. „Keiner von uns hatte entsprechende Erfahrungen“, sagt er. Vor allem aber setzt der Heimleiter auf die Kontakte von Ahrari in die muslimische Gemeinschaft hinein. Er helfe, Vorbehalte abzubauen, erzählt Ahrari. Offenbar mit Erfolg: „Wir haben schon aus anderen deutschen Städten, ja sogar aus dem Ausland Anfragen, ob pflegebedürftige Muslime in Hamburg untergebracht werden könnten.“

Noch ist es für ein Resümee zu früh und die Zahl der im Pflegeheim untergebrachten Bewohner mit fünf eher niedrig. Doch erste Erfahrungen gibt es. „Ein Pflegeheim ist ein Abbild der Gesellschaft“, sagt der Heimleiter. „Manche Menschen tun sich schwer mit dem Fremden, andere empfinden es als Bereicherung.“

Wir haben es uns im Aufenthaltsraum bequem gemacht. Eine Tasse mit Tee steht dampfend vor uns. Im Fernseher läuft ein türkisches Programm. Auf den ersten Blick ist kein Unterschied zu einem deutschen Pflegeheim erkennbar.

Doch es gibt sie, erzählt Pflegedienstleiterin Wenke Budach. „Männer lassen sich nur von Männern betreuen und Frauen nur von Frauen.“ Hinzu kommen sprachliche Barrieren: Wer nicht persisch spricht, hat kaum Zugang zu den Heimbewohnern. Aber selbst für Muttersprachler bedeutet es nicht, dass es einfach wird. Karin Wandke ist Pflegerin, stammt aus Afghanistan und ist mit einem Deutschen verheiratet. „Ein Mann würde sich morgens beim Anziehen nur ungern von mir helfen lassen“, erzählt sie. Eine muslimische Frau wiederum würde Hilfe eines männlichen Pflegers verweigern.

Die größten Unterschiede bei der Betreuung deutscher und migrantischer Heimbewohner gebe es bei der Religion und beim Essen, sagt Hodgson. Das fängt bei rituellen Waschungen an und reicht bis zu den Gebetsräumen. „Religion ist für unsere Migranten eminent wichtig“, sagt Pflegerin Wandke.

Noch sind die beiden Gebetsräume – einer für Frauen und einer für Männer – nicht eingerichtet. Aber sie sollen der Stolz der Abteilung werden. „Die Stoffe dafür lassen wir in Marokko in einer speziellen Werkstatt weben“, sagt Hodgson. Auch die Gebetsbänke stammen aus dem nordafrikanischen Land. Ende April sollen die Räume fertig sein.

Spezielle Bilder für die Abteilung erhielt das Heim von einem iranischen Geschäftsmann. „Als wir von unserem Projekt berichteten, bestellte er die Bilder in Teheran und schenkte sie uns“, erzählt Direktor Hodgson. Der Mann habe seine Dankbarkeit für das Bemühen um die persische Kultur ausdrücken wollen.

„Beim Essen geht es nicht nur darum, dass unsere islamisch geprägten Heimbewohner kein Schweinefleisch essen“, sagt Pflegeheimmitarbeiterin Claudia Schereik. „Vielmehr darf das Geschirr niemals mit Schweinefleisch in Berührung gekommen sein.“ Daher liefert zunächst der Pflegedienst „Ariana“ Mittagessen für die fünf Bewohner.

Wenn das Projekt aufgeht, was bedeutet, dass mindestens 15 der insgesamt 28 Plätze belegt sind, „installieren wir für unsere migrantischen Mitbewohner eine eigene Küche“, verspricht Budach. Spezielle Zuschüsse vom Staat gibt es für das Projekt nicht. „Die Pflegesätze sind gleich, allerdings die Kosten auch vergleichbar“, sagt Direktor Hodgson.

Vier Einzelzimmer und zwölf Doppelzimmer gibt es in dem Heim. Wer sich umschaut, fühlt sich rasch an ein Krankenzimmer erinnert. „Es wäre natürlich schön, wenn die Bewohner eigene Dinge mitbringen und die Zimmer nach ihren Wünschen gestalten würden“, sagt Wenke Budach.

Sie weiß: „Der Übergang ist grundsätzlich schwierig. Die Menschen haben bislang selbstbestimmt leben können und müssen sich nun an ein Heim mit Regeln gewöhnen.“ Manchen dürfte auch die mit dem Einzug in ein Heim verbundene Erkenntnis, sich am Lebensende zu befinden, belasten.

Budach hat beobachtet, dass gerade muslimische Angehörige im Vorwege sehr genau nachfragen und sich das Heim anschauen. Welche Fernsehprogramme gibt es? Können wir einen eigenen Teppich mitbringen? Wie ist gesichert, dass es kein Schweinefleisch gibt?

Die Pflegedienstleiterin hofft, dass die Erfahrungen jener Familien, die diesen Schritt gewagt haben, sich herumsprechen. „Wenn Kinder erleben, dass ihre Eltern bei uns besser versorgt werden als daheim, und das in einer Umgebung, die ihnen kulturell nahesteht, dann werden auch andere kommen.“ So mancher habe schon angekündigt: „Wir bringen unsere Mutter, wenn das hier läuft.“

Auffällige Unterschiede gibt es, wenn die Eltern eingezogen sind. „Hat eine deutsche Pflegeheimbewohnerin drei Töchter, erhält sie an unterschiedlichen Tagen von je einer Tochter Besuch“, erzählt Budach. „Bei unseren muslimischen Bewohnern kommt der Besuch fast immer in größeren Gruppen.“ Dann geht es auch schon mal etwas lauter zu.

Fünf Bewohner nach zwei Wochen: Hodgson und Ahrari sind mit dem Start durchaus zufrieden. Zunächst geht es darum, die muslimischen Bewohner in das Heim zu integrieren. „Sie sollen sich wohlfühlen und vermittelt bekommen: Das ist mein Zuhause“, sagt Pflegebereichsleiterin Budach.

Aber erzwingen will man im Heim Am Husarendenkmal nichts. „Es wird automatisch passieren“, glaubt Budach. Dazu gehört auch, dass die muslimischen Bewohner einen eigenen kleinen Garten mit ein paar Bänken und einer befestigten Wegstrecke haben. „Wenn sich jemand zurückziehen will.“


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