Hamburg in bestem Licht

Es ist Weihnachtszeit und jetzt, Anfang Dezember, wirken Hamburgs Weihnachtsmärkte noch aufregend. Prof. Peter Andres steht zwischen den Buden am Jungfernstieg und tritt von einem Fuß auf den anderen. In seiner rechten Hand hält er ein Leuchtdichtemessgerät, das eher an eine altertümliche Filmkamera erinnert. Andres ist Sprecher des Hamburger Lichtbeirats.

Dem Gremium gehören die Lichtplaner Ulrike Brandi, Michael Batz, Harry Meyer und Tom Schlotfeldt an. Die Experten beraten Hamburgs Behörden bei Fragen der Beleuchtung: das reicht von der Empfehlung zu einem Einzelprojekt bis hin zum Lichtkonzept für die Innenstadt.

Der Beirat ist an diesem kalten Winterabend verabredet, um sich unweit von Binnenalster und Rathaus umzuschauen. Gerade jetzt, in der dunklen Jahreszeit, spielt Licht in der Stadt eine besondere Rolle. Gerade jetzt ist gut zu erkennen, ob die Expertenvorgaben richtig umgesetzt wurden.

Andres hält das Messgerät vor seine Augen und „filmt“ die Fassade des Apple-Stores. „3000 Candela pro Quadratmeter“, sagt er und bestätigt, was Betrachter mit bloßem Augen erkennen: das Logo des Computerkonzerns überstrahlt mit seinem grellen Weiß die Fassaden benachbarter Gebäude derart, das deren Besonderheiten kaum mehr wahrgenommen werden können.

„Das ist ungewöhnlich“, sagt Lichtplanerin Ulrike Brandi. „So starkes Licht verwenden eigentlich Billigläden, um auf ihr Angebot aufmerksam zu machen.“ Einer Marke wie Apple, die – ähnlich wie Hamburg – vom Understatement lebt, hätte sie das nicht zugetraut. Selbst wenn man auf der Lombardsbrücke steht und von dort den Jungfernstieg betrachtet, beeinträchtigt das Logo den Gesamteindruck.

400 Candela pro Quadratmeter würden reichen, sagt Lichtbeiratschef Andres. „Wir werden dem Unternehmen einen Brief schreiben und auf dieses Missverhältnis hinweisen.“ Besonders hoffnungsfroh klingt seine Stimme in diesem Moment nicht. Die Stadt setzt bei der Lichtgestaltung zuallererst auf die freiwillige Kooperation mit Partnern und Immobilienbesitzern.

Trotz dieser „Freiwilligkeit“ ist der seit mehr als sieben Jahren existierende Lichtbeirat ein wichtiges Gremium, das hilft, Hamburg zu einer lebenswerten Metropole zu entwickeln. „Ein intelligentes Lichtkonzept kann Räume schaffen, Akzente setzen und bestehende Konturen hervorheben“, erläutert Andres.

Der gezielte Einsatz von Licht soll Hamburgs Charakter als Stadt mit Wasser betonen. Die Binnenalster beispielsweise ist eine große dunkle Fläche, die durch ihre „Einrahmung“ mit Licht und als Reflexionsfläche des nächtlichen Stadtbildes wirkt. Die Lichtexperten plädieren daher dafür, Alster oder Fleete nicht direkt anzustrahlen, damit sich die umgebenden Gebäude darin spiegeln können.

Ziel ist ein möglichst gleichmäßigeres Vorhandensein von Licht. „Das Auge soll sich nicht ständig an zu stark veränderte Helligkeiten anpassen müssen“, sagt Andres und spricht von einem „kontrollierten Wahrnehmungskorridor“. Wenn das Auge ständig extreme Helligkeiten und Dunkelheiten verarbeiten muss, dann fühlten wir Menschen uns nicht wohl.

„Wer auf der Lombardsbrücke steht, sollte die Konturen der Innenstadt gut erkennen können“, sagt Ulrike Brandi. Ihr Büro hat das Lichtkonzept für den Jungfernstieg und für das Rathaus erarbeitet. „Kein Gebäude darf sich in den Vordergrund drängen. Lediglich das Rathaus ist wichtiger als alle anderen Gebäude.“

Wenn Fotografieren „Malen mit Licht“ ist, dann bedeutet ein kluges Lichtkonzept das Sichtbarmachen von Gebäuden und von deren Details. Es ist, als werde der Blick des Betrachters durch Licht und Schatten geführt. „Man geht an die Objekte heran, folgt ihren Linien, arbeitet grafisch modellierend“, sagte Michael Batz. „Mit gezielter künstlicher Beleuchtung kann Architektur inszeniert, akzentuiert und differenziert werden“, ergänzt Andres.

Aber nicht nur Gebäude profitieren von der richtigen Beleuchtung. Wenn ein Platz Treffpunkt für Menschen sein soll, bieten sich eine Beleuchtung aus geringerer Höhe oder – wie am Jungfernstieg – Streulicht in Baumkronen an. So werden Intimität und Abgeschlossenheit des Raumes betont. Repräsentative Plätze wie der Rathausmarkt leben hingegen eher von der Fassadenbeleuchtung der sie umgebenden Gebäude.

„Licht ist essenziell für die Atmosphäre und das Wohlbefinden in einer Stadt“, sagt Andres und erläutert das am Beispiel von Plätzen. „Wenn wir die Begrenzung eines Platzes nicht erkennen können, fühlen wir uns unbehaglich.“ Deshalb sei es sinnvoll, Fassaden umstehender Gebäude leicht zu illuminieren. „Menschen überblicken gern eine Situation; das ist etwas, das tief in unserem Gehirn verankert ist.“

Wir sind auf dem Weg zum Rathausmarkt. „Wir wollen die Unverwechselbarkeit des gewachsenen Stadtbilds erkennbar machen“, erklärt Andres die Idee, die hinter dem Lichtkonzept steckt. „Es gibt viele wichtige Lichtbeziehungen“, ergänzt Michael Batz. Diese Beziehungen „zusammen zu denken“ sei eine der Herausforderungen. „Wir betrachten nicht nur isoliert ein Gebäude, sondern schauen nach rechts und nach links: nur wenn sich die unterschiedlichen Gebäude in ihrem Licht verstehen, dann haben wir Urbanität“, sagt Batz.

Licht ist dabei nicht gleich Licht. Die Experten ordnen es in unterschiedlichen Kategorien ein. Da wäre das Funktionslicht, das in erster Linie der Sicherheit im öffentlichen Raum dient. Es soll den Menschen helfen, sich zu orientieren. Wir stehen vor dem Hamburger Rathaus. Peter Andres zeigt auf Leuchtstofflampen, die über der angrenzenden Straße hängen. Ihre Aufgabe ist klar umrissen.

Gestaltendes Licht hingegen soll eine atmosphärische Wirkung erzielen. Es müsse neben dem Aspekt der Helligkeit „der Bildfähigkeit des gestalteten Objekts genügen“, heißt es in einer Broschüre der Stadtentwicklungsbehörde zum Lichtkonzept.

Menge und Qualität des „gestaltenden“ Lichts richten sich zudem an seiner Umgebung aus. „Die Darstellung eines Gebäudes darf die Wahrnehmung seiner Umgebung nicht unnötig erschweren oder gar unmöglich machen“, sagt Michael Batz. „Das Auge soll entspannt durch die Stadt flanieren.“

Ulrike Brandi plädiert daher für Zurückhaltung bei der Beleuchtung von Gebäuden und Straßenzügen. „Hamburg ist distinguiert, also eine Stadt, in der Zurückhaltung geschätzt wird.“ Gebäude mit Geschäften, die Markenware oder Schmuck verkaufen, zeichnen sich am Jungfernstieg daher durch warmes Licht und indirekte Beleuchtung aus. Eine angemessene und zurückhaltende Nutzung von Licht garantiere eine „ästhetische Wahrnehmungsqualität“, sagt Michael Batz.

Kommerzielles Licht soll für etwas werben. Deshalb, auf der Reeperbahn kann man das gut erkennen, ist dieses Licht kontrastreich. Fassaden werden in grelle und bunte Farben getaucht. In der Innenstadt muss sich hingegen auch werbendes Licht der Architektur anpassen. Blinkende Fassadenwerbung beispielsweise ist hier untersagt.

Dass es in Hamburgs Innenstadt beispielsweise kein Blinklicht gibt und Gebäude lediglich mit weißem Licht beleuchtet werden dürfen, geht auf den legendären Oberbaudirektor Fritz Schumacher zurück.

Zu guter Letzt sprechen die Experten von temporärem Licht, das nur für eine begrenzte Zeit eine Rolle spielt. Wer in diesen Tagen über den Rathausmarkt geht, wird merken, dass der Weihnachtsmarkt eine reichhaltige Lichtquelle ist. Allerdings ist die Beleuchtung so abgestimmt, dass sie das Rathaus in seiner Dominanz und Würde nicht beeinträchtigt.

Lichtplaner wollen die Wahrzeichen Hamburgs in ihrer das Stadtbild prägenden Funktion erhalten. „Sie bilden Orientierungspunkte“, sagt Andres. So fällt auf, dass die Turmspitzen von Hamburgs wichtigsten Kirchen besonders angestrahlt werden und dem Betrachter der Skyline es so ermöglichen, sich zurecht finden.

Ulrike Brandi hat das Lichtkonzept für Hamburgs Rathaus entworfen. „Das Rathaus sollte das hellste Gebäude sein und damit eine Grenze für die Beleuchtung andere Gebäude in der Innenstadt setzen“, sagt sie. Brandis ging es darum, „sanft“ mit dem Gebäude umzugehen. „Das Licht sollte nicht hart und abweisend wirken.“

Die Lichtplanerin, die weltweit mit Architekten zusammenarbeitet, verwendete viele kleine Leuchtquellen. Sie heben filigrane Fassadenelemente, Figuren sowie Erker hervor und lassen so die Fassade des Gebäudes im Spiel von Licht und Schatten lebendig werden. Das Problem der vielen kleinen Schlagschatten löste Ulrike Brandi durch zwölf kleinere Flächenstrahler, die auf dem Rathausmarkt auf Masten angebracht wurden.

Was diese Art der Lichtgestaltung bedeutet, wird erst richtig ersichtlich, wenn man die Fotografien betrachtet, die das Rathaus vor und nach der Neugestaltung der Beleuchtung zeigen. Früher wirkte das Rathaus trotz seiner Pracht matt und langweilig. „Flakscheinwerfer“, wie Peter Andres sie beschreibt, „schluckten“ die Plastizität der Oberfläche.

Jetzt hilft das Licht, das Gebäude in seiner einzigartigen Zartheit zu zeigen. Die Akzentuierungen durch Licht dienen dazu, Besonderheiten des Gebäudes hervorzuheben, ohne dabei dessen Gesamteindruck zu beschädigen. Das wird auch deutlich, wenn in der Speicherstadt Turmspitzen oder metallene Balkone von unten angestrahlt werden. „In der Speicherstadt wirkt das fast schon zu dramatisch“, sagt Brandi.

Die Beleuchtung eines Gebäudes zeichne sich stets durch Respekt vor dem Gebäude aus, fügt die Lichtplanerin hinzu. „Unsere ‚Kunst‘ ist es, Licht wie selbstverständlich in Gebäude zu integrieren und dafür eine angemessene, energieeffiziente und moderne Technik einzusetzen.“ Dabei „folgt“ die Beleuchtung der Gebäudestruktur und passt sich dem Material der Fassade und deren Struktur an.

Wir haben die Turm der St.-Petri-Kirche erstiegen und schauen durch kleine runde Fenster. Hamburgs Innenstadt erstrahlt in einem atemberaubenden Glanz. Zugleich ist die geschwungene Linienführung der Mönckebergstraße gut zu erkennen. Rund 120.000 öffentliche Lichtquellen gibt es in Hamburg, sagt Peter Andres. „Viele von ihnen strahlen viel zu viel Licht flach zur Seite und auch unsinnigerweise nach oben ab und tragen so zu Lichtverschmutzung bei.“ Das klingt, als läge noch sehr viel Arbeit vor dem Hamburger Lichtbeirat.


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