Der Zug der Tränen

Es war ergreifend. Nachdem am 2. November 1964 kurz vor zwölf Uhr der erste Zug mit Ostdeutschen seit dem Mauerbau in Hamburgs Hauptbahnhof eingefahren war, wurden die Bahnsteige binnen weniger Minuten zu einem Ort „gesamtdeutscher Bewegung“. Fast 600 meist ältere Menschen konnten nach mehr als drei Jahren Trennung endlich ihre Verwandten und Freunde wiedersehen.

„Tränen rollten den alten Menschen über die Wangen, als sie ihre Angehörigen auf dem Bahnsteig sahen“, berichtete das Hamburger Abendblatt seinerzeit. Hunderte Hamburger waren gekommen, um diesen historischen Augenblick und die Tränen der Freude mitzuerleben. „Stumm sahen sie zu, wie sich die Menschen von hüben und drüben nach so vielen Jahren der Trennung in den Armen hielten. Mancher wandte sich aber auch ab, weil ihm das Mitgefühl im Hals würgte.“

Der 2. November vor 50 Jahren war ein denkwürdiger Tag. Durch den Bau der Mauer im Sommer 1961 waren quasi über Nacht alle Verbindungen zwischen Ost- und Westdeutschen unterbrochen worden und Familien auseinandergerissen. Jetzt wurde wenigstens Rentnern in der DDR erlaubt, in den Westen zu reisen. Bis Ende des Jahres rechneten die Behörden mit bis zu 1,6 Millionen ostdeutschen Besuchern in ganz Deutschland. In Hamburg sollten von nun an jeden Tag zwei Sonderzüge aus Schwerin und Rostock eintreffen.

Doch nicht für jeden Reisenden war Hamburg das Ziel. „Helfer und Helferinnen des Roten Kreuzes sowie der Bahnhofsmission nahmen sich der alten Menschen an, die nicht abgeholt wurden oder in andere Orte der Bundesrepublik weiterfahren wollten“, heißt es in einer Reportage aus jenen Tagen. „Eisenbahner gaben Auskunft über Zuganschlüsse, unbekannte Helfer stützten eine 80-Jährige aus Schwerin, die zum erstenmal im Westen ist und in ein Dorf Schleswig-Holsteins weiterreisen will.“

Allerdings hatten die DDR-Behörden zuvor festgelegt, dass die Rentner eine Fahrkarte sowohl für die Hin- als auch für die Rückfahrt kaufen mussten. Das bedeutete, dass mancher Reisewillige in letzter Sekunde verzichten musste. „Bei allem Glück, das sie empfanden, war doch immer wieder die große Enttäuschung über die plötzliche Fahrkartenregelung zu spüren“, berichtete der Abendblatt-Reporter aus dem ersten Sonderzug, den er nach dem Grenzübertritt bestiegen hatte. „Ein 81-Jähriger aus Parchim, der seine vier Kinder im Westen besuchen will und zuerst an den Bodensee fährt, mußte 180 Mark bezahlen.“ Bei einer Rente von 142 Ostmark im Monat war die Rückfahrkarte nicht erschwinglich gewesen. Freunde und Verwandte halfen, das Geld zusammenzubekommen.

„Viele, so schwirrten die Gespräche im Zug, mußten die geplante Reise wegen der Verdoppelung des Fahrpreises aufgeben!“ Ein 73-jähriger Mann aus Gera schrieb noch im Zug eine Karte an seine Frau, die wegen Krankheit zurückbleiben musste. „Er wollte ihr gleich hinter der Zonengrenze mitteilen, daß er gut ,rübergekommen‘ sei.“ Der Mann wollte seinen Sohn in Poppenbüttel besuchen.

Für viele ostdeutsche Rentner war es problematisch, dass sie keine D-Mark besaßen – und das sollte bis zum Mauerfall im Jahr 1989 auch so bleiben. „Ein alter Mann sprach uns an“, berichtete der Abendblatt-Reporter. „Er war ratlos, weil sein Bruder ihn zu einer anderen Tageszeit erwartete. ‚Aber ich kann doch nicht mal telefonieren, wir haben doch alle nur Ostgeld!'“ Mit derartigen Problemen hatten die Hamburger gerechnet. Offiziell trat zwar keine Behörde in Erscheinung. Allerdings hatten die Wohlfahrtsverbände sich darauf eingerichtet, dass sie die Bahnhofsmission kurzfristig verstärken und jede Art von Hilfe leisten können.

Hamburg versprach zudem, dass jeder Rentner, der Angehörige in Hamburg besuchen wollte, 50 Mark erhalten werde. „Das Geld wird in den Einwohnerämtern der für den Wohnsitz des Gastgebers zuständigen Bezirksämter, Ortsämter oder Ortsdienststellen ausgegeben“, hieß es.

Doch das sollte nicht alles sein. Als „Gastgeschenk“ erhielten die Besucher ferner zehn Freifahrscheine für die öffentlichen Verkehrsmittel, einen Theaterbesuch, einen Stadtplan, einen Bildband von Hamburg sowie Fahrkarten für eine Stadt- und eine Hafenrundfahrt. Außerdem konnten die Besucher an einer Sitzung der Bürgerschaft teilnehmen. In einem Brief an das Abendblatt berichtete ein Leser: „Auf dem S-Bahnsteig sah ich dann ein altes Ehepaar hilflos dem ganzen Betrieb gegenüberstehen.“ Das Ehepaar habe nach Kiel zu Verwandten weiterfahren wollen. „Ich brachte sie nach Altona. Für eine Tasse Kaffee, die ich mit ihnen trank, waren sie dankbar.“

Auch wenn vor 50 Jahren Ostdeutsche wieder in den Westen reisen durften, blieb es für geteilte deutsche Familien schwierig, die Verbindung aufrechtzuerhalten. Erst das am 3. Juni 1972 in Kraft getretene Vier-Mächte-Abkommen über Berlin führte zu spürbaren Verbesserungen. Eines blieb aber bis zum Ende der DDR gültig: Von Ausnahmen abgesehen durften nur Rentner in den Westen reisen. Bei ihnen war es den DDR-Behörden egal, wenn sie im Westen blieben.


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